181 Elisabeth Oy-Marra Gattungsdiskurs und Bilderzählung: Bernardino Cavallinos Überblendung der Gattungen und das religiöse Sammlerbild in Neapel Die Etablierung neuer Gattungen gegen Ende des Cinquecento führte zu einer deut- lichen Erweiterung darstellungswürdiger Bildinhalte. Genreszenen, Landschafs- malerei und das Stillleben feiern ihren Einzug und heben erstmals das Kleine und Niedere des Alltags in den Fokus. 1 Dies blieb nicht ohne Rückwirkung auf die His- torienmalerei, deren Bestimmung einerseits geschärf, ihre Grenzen andererseits erweitert wurden. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts rekurriert die Teorie der His- torienmalerei noch auf Albertis Defnition der istoria, die der Humanist in seinem Malereitraktat von 1435 als vornehmste Aufgabe der Malerei bestimmte, sie gleich- wohl nur sehr allgemein umriss. 2 Darüber hinaus wurde auch in der Kunsttheorie die Poetik des Aristoteles diskutiert, der die Darstellung menschlicher Handlungen zur vornehmsten Aufgabe der Kunst erklärt hatte. 3 Erst die Teologen der katholischen Reform, allen voran Gabriele Paleotti, versuchten, die bis dahin recht vage gebliebene 1 Zu den Gattungen siehe die vom Kunsthistorischen Institut der Freien Universität Berlin herausge- gebene Reihe: Geschichte der klassischen Bildgattungen. Gaehtgens/Fleckner 2003 zur Histori- enmalerei und Gaehtgens 2002 zur Genremalerei. 2 Bätschmann 2002, S. 31, hat darauf hingewiesen, dass die Bedeutung von storia oder istoria bei Alberti nicht auf eine narrative Erzählung eingeschränkt werden kann, vielmehr ist eine Verbin- dung von Komposition und Erfndung gemeint, die zu einem großen Gemälde zusammenwirken, das eine zusammenhängende Szene mit körperlich und seelisch bewegten Figuren darstellt. Dieses Gemälde wird aber als »ultimum et absolutum pictoris opus« bezeichnet; hierzu vgl. Alberti 2002. 3 Seit dem 16. Jahrhundert wurde um die Auslegung der Poetik des Aristoteles gerungen. Spuren davon fnden sich auch in der Kunstliteratur. Dabei ging es grundsätzlich um die Bestimmung der Malerei im Wettbewerb mit der Dichtung als Darstellungsmedium menschlicher Handlungen und im Speziellen um die Fähigkeit der Maler, religiöse, historische oder mythologische Überlieferun- gen interpretieren zu können. Vgl. hierzu Preimesberger 1999; Aristoteles 2008, S. 4; Pericolo 2011, S. 15–119.