© Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin. Beton- und Stahlbetonbau 114 (2019), Heft 12 947
DOI: 10.1002/best.201900058
FACHTHEMA ARTICLE
FACHTHEMA Viktor Mechtcherine, Albert Michel, Marco Liebscher, Kai Schneider, Christoph Großmann
Neue Carbonfaserbewehrung für digitalen
automatisierten Betonbau
Herrn Professor Dr.-Ing. Prof. h.c. Dr.-Ing. E.h. Hans-Wolf Reinhardt zu seinem 80. Geburtstag gewidmet
1 Einleitung
Die Verwendung von Carbonfaserbewehrung im Beton-
bau bietet im Vergleich zu herkömmlicher Stahlbeweh-
rung mehrere Vorteile. Da Carbonfasern (CF) eine viel
höhere Zugfestigkeit, ein wesentlich geringeres spezif-
sches Gewicht und vor allem keinerlei Korrosionsnei-
gung aufweisen, vgl. z. B. [1, 2], ermöglichen sie den Bau
wesentlich dünnerer, materialsparender Strukturen bei
gleicher Tragfähigkeit und deutlich höherer Dauerhaftig-
keit. Durch die geringere und efzientere Ressourcennut-
zung wird außerdem der ökologische Fußabdruck des
Betonbaus verringert [2]. Die derzeit vorhandenen CF-Be-
wehrungen sind Verbundwerkstofe aus Kohlenstoffla-
menten, die in eine thermoplastische oder duroplastische
Matrix eingebettet sind. Während die Polymermatrix die
einzelnen Kohlenstofflamente verbindet und die Form-
stabilität der Bewehrungselemente verbessert, bedingt sie
auch erhebliche Einschränkungen in Bezug auf die Ver-
wendung des Verbundmaterials als Betonbewehrung.
Zum einen erweichen die Polymere bei erhöhten Tempe-
raturen, insbesondere im Brandfall, oder sie zersetzen
sich sogar, wodurch die CF-Bewehrung die erforderliche
Tragfähigkeit nicht mehr gewährleisten kann [3]. Zum
anderen weist der Verbund zwischen Polymertränkung
und Beton eine relativ geringe Steifgkeit und Festigkeit
auf [3], speziell im Falle eines thermoplastischen Kunst-
stofs. Ein weiterer kritischer Punkt der herkömmlichen
Carbonbewehrung ist die Tatsache, dass zwar die Carbon-
fasern selbst chemisch inert und daher äußerst dauerhaft
sind. Dennoch muss die Beständigkeit einzelner Polymer-
matrices in hochalkalischer Betonumgebung und unter
sich ändernden Temperatur- und Feuchteverhältnissen
noch nachgewiesen werden. Schließlich, und dies ist für
den vorliegenden Aufsatz von besonderer Bedeutung,
schränkt die Einbettung von Kohlenstofgarnen in eine
Polymermatrix die technologische Flexibilität deutlich
ein, insbesondere im Hinblick auf neu entstehende auto-
matisierte Produktionsabläufe.
Um die Vorteile der Carbonbewehrung voll zu nutzen
und gleichzeitig die aufgezählten, durch die Verwendung
der Kunststoftränkung bedingten Einschränkungen zu
überwinden, wurde am Institut für Baustofe der TU
Dresden eine neuartige Bewehrung aus mineralisch im-
prägnierten Carbonfasern (mineral-impregnated carbon
fber, MCF) entwickelt [3]. Als Imprägnierung wurde er-
folgreich eine spezielle Suspension aus Mikrozementen,
Mikrosilika, Wasser und Zusatzmitteln verwendet. Im
Vergleich zu polymergebundenen Referenzmaterialien
zeigte die neue Bewehrung sowohl ein deutlich besseres
mechanisches Verhalten bei erhöhten Temperaturen als
auch einen erheblich besseren Verbund zur Betonmatrix
[3]. Ebenfalls hervorzuheben sind sehr vielfältige Verar-
Mineralisch gebundene Carbonfaserbewehrung ist eine neue
Art der Armierung für den Betonbau, die im Vergleich zu beste-
henden, kunststoffgebundenen Carbonbewehrungen beträcht-
liche Vorteile aufweist. Die mineralische Imprägnierung erhöht
die Leistungsfähigkeit der Bewehrung bei erhöhten Temperatu-
ren, verbessert ihren Verbund mit der Betonmatrix und steigert
deutlich die technologische Flexibilität, insbesondere im Hin-
blick auf die Digitalisierung und Automatisierung der Bauteil-
herstellung. Nach der Erläuterung der Technologie zur kontinu-
ierlichen Imprägnierung von Carbongarnen mit speziell entwi-
ckelten, feinen mineralischen Bindemittelsuspensionen werden
einige Beispiele für die automatisierte Herstellung von Beweh-
rungssystemen aus diesem neuen Verbundwerkstoff vorge-
stellt. Diese Fälle umfassen eindimensionale Elemente wie
Stäbe und Lamellen, zweidimensionale Bewehrungen in Form
von Matten und dreidimensionale Systeme wie Bewehrungs-
körbe für einen Balkon oder Schalenstrukturen. Schließlich
wird kurz auf die Verwendung des neuartigen Komposits für
die Bewehrung in hochautomatisierter additiver Fertigung wie
Beton-3D-Druck eingegangen.
New Carbon Fiber Reinforcement for Digital, Automated
Concrete Construction
Mineral-impregnated carbon fber (MCF) is a new type of rein-
forcement for concrete construction, which exhibit signifcant
advantages in comparison to existing polymer-based carbon
fber reinforcements. Mineral impregnation considerably im-
proves the performance of the reinforcement at elevated tem-
peratures, enhances its bond to the concrete matrix, and in-
creases technological fexibility, especially with respect to digi-
tized, automated production of concrete elements. First, the
technology for continuous impregnation of carbon yarns with
special fne mineral binder suspensions is explained. Then
several examples for the automated manufacturing of rein-
forcement systems made of this new composite material are
presented. These examples cover one-dimensional elements
such as bars and strips, two-dimensional reinforcements in the
form of mats, and three-dimensional cases such as reinforcing
cage for a balcony or shell elements. Finally, the use of the
novel reinforcement in conjunction with highly automated, ad-
ditive construction technologies such as 3D-concrete-printing
is discussed.