{ HAUPTBEITRAG / NACHRICHTENNUTZUNG UND MEINUNGSBILDUNG Nachrichtennutzung und Meinungsbildung in Zeiten sozialer Medien Jan-Hinrik Schmidt · Sascha Hölig Lisa Merten · Uwe Hasebrink Das Mediengefüge hat sich gewandelt Lange Zeit fand die Meinungsbildung zu politi- schen Themen innerhalb eines vergleichsweise stabilen Gefüges von Medien statt: Die Massen- medien, also Fernsehen, Radio, Zeitungen und Zeitschriften, wählten nach etablierten journalis- tischen Kriterien – den sog. Nachrichtenfaktoren – Informationen von gesellschaftlicher Relevanz aus. Diese präsentierten sie dann in verlässlichen Rhythmen als Bündel von Nachrichten: Die lo- kale Tageszeitung lag morgens im Briefkasten ihrer Abonnenten, und Nachrichtenmagazine wie Der Spiegel oder Die Zeit hatten ihre festen Erschei- nungstage. Radionachrichten kamen i. d. R. alle volle Stunde und die Sendungen wie Tagesschau, Heute oder RTL Aktuell informierten abends das Fernsehpublikum über die wichtigsten Geschehnisse des Tages. Zum journalistischen Handwerk gehörte dabei auch die möglichst klare Trennung zwischen Fakten und Meinung, die sich in unterschiedlichen Textformen niederschlug – etwa der Nachrichten- meldung auf der einen und dem Kommentar auf der anderen Seite. Bürgerinnen und Bürger nahmen einen Groß- teil ihrer Informationen über das Geschehen in der Welt über die Massenmedien auf, ohne deswegen aber nur eine passive oder gar blind manipulier- bare Masse zu sein. Vielmehr waren Nachrichten immer auch Gesprächsanlass: Menschen unter- hielten sich im Familienkreis, mit Freunden oder Kolleginnen (auch) über aktuelle Themen und hat- ten so Gelegenheit, sich im Austausch mit anderen über politische Ereignisse und Entwicklungen zu informieren und eine Meinung zu bilden. Mas- senmediale und interpersonale Kommunikation waren also zwei unterschiedliche, aber eng mit- einander verbundene Wege der Information und Meinungsbildung. Das Internet hat in den vergangenen 20 Jahren dieses Gefüge gleich mehrfach verändert. Erstens ist es ein Hybridmedium, das unterschiedliche Inhalte (Text, Bild, Audio, Video) transportieren und sowohl synchron, also live, als auch zeitversetzt informieren kann. Dadurch vereint es Merkmale, die bislang auf die unterschiedlichen anderen Mediengattun- gen verteilt waren. Zweitens ist es eine interaktive Medientechnologie, d. h. Nutzerinnen und Nutzer können selbst eingreifen und beispielsweise gezielt nach Informationen suchen, Inhalte bewerten und kommentieren oder sich mit anderen Personen un- terhalten. Drittens stellt es unzählige Werkzeuge zur Verfügung, mit deren Hilfe Menschen den In- formationsaustausch organisieren können, etwa Suchmaschinen wie Google oder die Onlineenzyklo- pädie Wikipedia. In den letzten zehn Jahren haben sich zudem die sozialen Medien etabliert: YouTube oder Facebook, aber auch Twitter und Blogs sind schon seit längerer Zeit fester Bestandteil der Me- dienrepertoires vieler Nutzerinnen und Nutzer und in den letzten Jahren sind Instagram, Snapchat und WhatsApp dazu gekommen. Sie alle senken die Hür- den, selbst Inhalte aller Art im Netz zur Verfügung zu stellen und sich mit dem eigenen erweiterten sozia- len Netzwerk auszutauschen. Weil zeitgleich auch die Verbreitung von mobilen Geräten wie Smartphones DOI 10.1007/s00287-017-1057-y © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2017 Jan-Hinrik Schmidt · Sascha Hölig Lisa Merten · Uwe Hasebrink Hans-Bredow-Institut für Medienforschung, Rothenbaumchaussee 36, 20148 Hamburg E-Mail: {j.schmidt, s.hoelig, l.merten, u.hasebrink}@hans-bredow-institut.de 358 Informatik_Spektrum_40_4_2017