ZfSl 55 (2010) 4, 445-463 Tanja Zimmermann Titoistische Ketzerei: Die Bogomilen als Antizipation des „dritten We- ges“ Jugoslawiens Summary Only a few years after Yugoslavia was excluded from the Cominform, Tito and his ideologists adopted the term „third way“ as a keyword to designate the Yugoslav politics between East and West. Originally, the term had been coined by the Soviets to denigrate what they perceived as an impossible compromise between Capitalism and Communism. Soon, Yugoslav politicians turned it into a positive slogan. In 1950, the Croa- tian writer Miroslav Krlezha organised a monumental exhibition of Yugoslav medieval art in the Palais de Chaillot in Paris. He presented the medieval Bosnian sect of the Bogomils with its special form of “socia- lism” as anticipation and a historical legitimation of Yugoslav sovereignty. Other theoreticians such as the Serbian writer Oto Bihalji-Merin compared Tito and his partisans to rebellious Bogomils. The essay retraces the development of that myth, touching also on cinema and later phases of political propaganda. Keywords: 20 th century, Yugoslav politics between East and West, Tito, the Bogomils, Miroslav Krlezha, Oto Bihajli-Merin Als die Siegermächte nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges Europa zwischen Ost und West aufteilten, begann der Partisanenanführer Josip Broz, genannt Tito, Pläne für ein „Imperium“ 1 der Mitte zu schmieden – eine Föderation der Balkan- und vielleicht auch der Donauländer. Das neue Jugoslawien wurde im Leitartikel „Die Donauländer und der Balkan“ („Podunavlje i Balkan“) auf der Titelseite der „Republika“ vom 23. Dezember 1947, an Stalins 69. Geburtstag, als Modell und Sammelzentrum gepriesen, das die Initia- tive für die Gründung einer größeren Gemeinschaft übernehmen sollte. 2 Eine Föderation der drei Balkanstaaten – Jugoslawien, Bulgarien und Griechenland – wurde bereits in Lju- bo Mirs Propagandabuch „Das neue Jugoslawien“ im Jahre 1944-1945 angekündigt. 3 Das neue Imperium der ‚Mitte’ sollte nicht nur den Balkan, sondern auch mehrere Donaulän- der umfassen: neben den jugoslawischen Republiken als einer summa partiorum auch Bulgarien, Albanien, die Tschechoslowakei, Polen, Ungarn, Rumänien und – nach dem erhofften Sieg des Kommunismus unter der Führung von General Markos – auch noch 1 Der Begriff „Imperium“ für Titos „dritten Weg“ ist in den zeitgenössischen politisch-historischen Schriften geläufig. Darunter versteht man Titos Bemühungen, das Imperium der byzantinischen Kaiser territorial zu beerben, um auf diesem Gebiet eine dritte Macht zu etablieren, welche keiner der beiden Großmächte hörig wäre. Vgl. E. BAUER, Tito und die Sowjetunion, in: Osteuropa 4 (1954) 2, S. 94- 100; H. KOCH, A-Stalinismus und Neo-Stalinismus in den europäischen Volksdemokratien, in: Osteu- ropa 7 (1957) 12, S. 859-867. 2 Republika Nr. 112, 23.12.1947, Titelseite: „So ist das neue Jugoslawien im Herzen der Donauländer und des Balkans die erste Gemeinschaft neuen Typs geworden, die in nur zwei Jahren ihre feste Orga- nisation unter Beweis gestellt hat und zum Modell und Zentrum geworden ist, das Vertrauen erweckt; damit wird es ganz naturgemäß zum Sammelzentrum, das die Initiative für die Gründung immer breit- erer Gemeinschaften weckt.“ (Übersetzung von Verf.) 3 L. MIR, Das neue Jugoslawien: Übersetzung aus dem Französischen von G. BRAUN, Zürich; New York 1945 (La Yougoslavie régénérée, Lyon 1944), S. 102, 104f., 106f. Brought to you by | New York University Bobst Library Technical Services Authenticated Download Date | 5/22/15 3:17 PM