Lehre und Forschung Eckhard Jesse und Sebastian Liebold Politikwissenschaft in Deutschland Trends, Herausforderungen, Perspektiven Bestandsaufnahme Die Politikwissenschaft ist bekanntermaßen eine junge Disziplin mit einer alten Tradition. Das gilt zumal für Deutschland (Bleek 2001). Nach 1945 etablierte sich das Fach weithin als „Demokratiewissenschaft“ – begünstigt durch die alliierte reeducation. Vor 60 Jahren, am 10. Februar 1951, bildete sich die „Deutsche Ver- einigung für Politische Wissenschaft“ (zunächst unter dem Namen „Deutsche Ver- einigung für die Wissenschaft von der Politik“). Die Politikwissenschaft wuchs langsam – 1959 gab es erst 21 Professuren, 1969 schon 81, 1974 hingegen 214 (Arendes 2004: 194). Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre setzte eine starke Expansion ein, die zum Teil mit einer beträchtlichen Politisierung im neomarxisti- schen Sinne verbunden war. Die Gründung der „Deutschen Gesellschaft für Poli- tikwissenschaft“ 1983 war eine späte, wenn nicht verspätete Reaktion auf diese Entwicklung, die freilich bald wieder in ruhigerem Fahrwasser verlief. Bei der ge- lungenen Etablierung der Politikwissenschaft in den neuen Bundesländern (Lehm- bruch 1995) – angesichts der Ablösung diskreditierter Fächer wie „Wissenschaft- licher Kommunismus“ und „Marxismus-Leninismus“ war dies nicht selbstver- ständlich – arbeiteten die beiden Vereinigungen (die DVPW hat 715 Mitglieder, die DGfP 200) eng zusammen. Schon lange ist das Verhältnis entspannt, ja ungetrübt, wie etwa die hohe Zahl der Doppelmitgliedschaften belegt. Den State of the art bildet jeweils ein Band ab, der aus der Mitte beider Gesellschaften entstanden ist (DVPW 2009; Gerlach u. a. 2010). Die Jahrestagung der DGfP lautete 2010 „Die Einheit der Politikwissenschaft“, die Jubiläumstagung der DVPW 2011 ganz ähn- lich „Politikwissenschaft – Sinn und Nutzen einer Disziplin“. Eine Debatte zur Selbstvergewisserung ist im Gange und offenbar vonnöten. Dies dürfte symptoma- tisch sein für ein junges Fach, das weniger in sich ruht als so manche „alte“ Disziplin. 1. Zeitschrift für Politikwissenschaft 21. Jahrgang (2011) Heft 3, S. 511 – 526 511 https://doi.org/10.5771/1430-6387-2011-3-511 Generiert durch IP '3.238.182.43', am 17.02.2022, 09:22:50. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.