Diskursmacht und technologischer Wandel Auf dem Weg in einen digitalen Despotismus? Sabine Pfeiffer Beitrag zur Ad-Hoc-Gruppe »Integrations- und Entkopplungsprozesse im digitalen Kapitalismus« 1 Der Diskurs zu Industrie 4.0 Seit 2011 auf der Hannover Messe der Begriff „Industrie 4.0“ präsentiert wurde, hat nicht nur dieser sondern vielleicht noch mehr der Appendix „4.0“ eine erstaunliche diskursive Karriere gemacht. Im- manenter und widersprüchlicher Kern dieses Diskurses ist: Einerseits inszeniert er sich selbst sozusa- gen als gesellschaftliches Echo auf eine letztlich als exogen erscheinende, technisch induzierte und im globalen Maßstab verlaufende Entwicklungsdynamik; andererseits will gerade die Institutionalisierung des Diskurses nahelegen, dass diese „von außen“ kommende Entwicklung zwar nicht aufhaltbar, aber politisch und gesellschaftlich im nationalen Kontext gestaltbar sei. Die Institutionalisierung vollzieht sich für den Begriff Industrie 4.0 ebenfalls in beachtlicher Geschwindigkeit: 2013 wird die so genannte Verbändeplattform selben Namens gegründet, welche 2015 in eine bei den beiden Ministerien BMBF und BMWi angesiedelten Plattform überführt wird. Auf den ersten Blick ließe sich die Diskursentwicklung mit McCray (2012) als ein Fall von Visioneering interpretieren: Das Kunstwort aus den Wörtern vision und engineering (Pfeiffer 2017a) beschreibt Pro- zesse, bei denen Ingenieure/-innen auf der Basis technischer Entwicklung über eine technisch mach- bare Zukunft spekulieren. Diese Idee popularisieren sie und bilden Netzwerke. Das Ziel ist dabei vor allem, für die eigene Forschung Unterstützung sprich Fördergelder zu generieren. Die Akteure nut- zen den Diskurs und die gebildeten Netzwerke als Mittel zum Zweck. Im Kern geht es ihnen um das technisch Konkrete und sobald möglich tauschen sie die Bühne wieder mit dem CAD. Diese Diagnose jedoch passt auf den Diskurs von Industrie 4.0 so einfach nicht. Im zweiten Kapitel wird skizziert, dass die eigentlichen Treiber des Diskurses nicht technische Exper- ten/-innen sind, sondern global wirkmächtige und ökonomisch motivierte Akteure. Auf Basis einer Diskursanalyse zeigt sich, dass es im aktuellen Diskurs um Industrie 4.0 nicht um eine Auseinanderset- zung über die Substanz einer konkreten Zukunft geht, wie Barbara Adam und Chris Groves in ihrer Analyse aufzeigen: statt einer konstruktiven Debatte über the embedded, embodied, contextual fu- turegehe es vielmehr um die Konstruktion einer decontextualized future emptied of content“, einer Zukunft also, die gerade dadurch anfällig sei für ihre interessengeleitete „ exploration and exploitation, calculation and control(2007: 2). Adam und Groves fokussieren dabei auf gegenwärtigen sozialen