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AUFSÄTZE
1. Einleitung
Im Rahmen ihrer Krisenpolitik setzte die Europäische Uni-
on im Jahre 2011 eine neue Form der europäischen Koor-
dinierung nationaler Lohnpolitiken durch. Um die makro-
ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone
zu reduzieren, schuf sie mit ihrer Economic-Governance-
Strategie Instrumente zur Dezentralisierung und Zerstörung
der von ihr als international nicht wettbewerbsfähig einge-
stufen Lohnverhandlungssysteme. Diese Maßnahmen un-
terscheiden sich diametral von den seit den 1990er Jahren
von gewerkschaflicher Seite unternommenen Koordinie-
rungsbemühungen zur Vermeidung von Lohnunterbie-
tungswettläufen und wurden auch vonseiten der Arbeitge-
ber mehrheitlich abgelehnt. In diesem Aufsatz werden drei
Institutionentheorien auf ihren potenziellen Erklärungsbei-
trag für die bisherigen gewerkschaflichen Koordinierungs-
bemühungen sowie die Ausrichtung der aktuellen europä-
ischen Krisenpolitik hin untersucht. Es werden darüber
hinaus alternative Konzepte der lohnpolitischen Koordinie-
rung und die Voraussetzungen ihrer Durchsetzbarkeit dis-
kutiert.
Es ist das Verdienst von Arbeiten, die sich auf den Va-
rieties-of-Capitalism (VoC)-Ansatz stützen, eine Deutung
der Eurokrise entwickelt zu haben, die nicht die Schuld bei
den südeuropäischen Ländern und deren vorgeblich ver-
schwenderischer Fiskal- und Haushaltspolitik sucht. Sie
verweisen auf die institutionellen Unterschiede der natio-
nalen Lohnregime, die zu wachsenden makroökonomischen
und sozialen Ungleichgewichten zwischen Nordwest- und
Südeuropa im einheitlichen Währungsraum beigetragen
haben (Hall 2015; Hancké 2013; Höpner 2012, 2014; Höp-
ner / Lutter 2014). Gleichwohl können diese Beiträge kaum
Möglichkeiten des institutionellen Wandels erfassen, der
von transnationalen gewerkschaflichen Akteuren oder Ex-
perten (z. B. Tink Tanks) ausgeht. Der soziologische Neo-
Institutionalismus (NI) eröfnet den Blick auf die fehlenden
Voraussetzungen kompetitiver und institutioneller Isomor-
phie (i.e. Homogenisierung oder Angleichung) tarifpoliti-
scher Akteure und Strukturen im Euroraum vor der Krise.
Die Schafung eines europäischen Feldes autonomer Tarif-
verhandlungen ist diesem Ansatz zufolge mangels staatlicher
Unterstützungshilfen und fehlender Akzeptanz transnati-
onaler Lohnkoordinierung durch die Arbeitgeberseite fehl-
geschlagen (Pernicka / Glassner 2014). Der soziologische NI
eröfnet aber auch theoretische Perspektiven auf mögliche
Feldkräfe, die zu einer Feldgenese autonomer Tarifpolitik
Dynamiken von Macht und
Gegenmacht in der europäischen
Lohnkoordinierung
Die innerhalb der Eurozone bestehenden makroökonomischen Ungleichgewichte
wurden als eine wichtige Ursache der Eurokrise identifziert. Diese werden vor allem auf
die internationalen Unterschiede in der Lohnentwicklung zurückgeführt. Eine mögliche
Maßnahme zur Angleichung der Lohnentwicklung ist deren transnationale Koordination.
Die von der Europäischen Union (EU) vorgenommenen Eingrife in nationale Lohn-
verhandlungssysteme sind jedoch erklärungsbedürfig und werfen die Frage nach
möglichen Alternativen auf. Dieser Beitrag geht der Frage nach, mit welchem theo-
retischen Instrumentarium sich die europäische Lohnkoordinierungspolitik am besten
analysieren lässt. Behandelt werden der Varieties-of-Capitalism-Ansatz, der soziologi-
sche Neo-Institutionalismus und Pierre Bourdieus Feldtheorie.
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SUSANNE PERNICKA
1 Die Autorin möchte folgenden Personen für das konstruk-
tive und weiterführende Feedback zu früheren Fassungen
dieses Aufsatzes herzlich danken: Nele Dittmar, Vera
Glassner, Günter Hefler, Martin Heidenreich, Julia Hof-
mann, Torben Krings, Philipp Klages sowie den zwei ano-
nymen Gutachtern.
© WSI Mitteilungen 2015
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https://doi.org/10.5771/0342-300X-2015-8-604
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