604 AUFSÄTZE 1. Einleitung Im Rahmen ihrer Krisenpolitik setzte die Europäische Uni- on im Jahre 2011 eine neue Form der europäischen Koor- dinierung nationaler Lohnpolitiken durch. Um die makro- ökonomischen Ungleichgewichte innerhalb der Eurozone zu reduzieren, schuf sie mit ihrer Economic-Governance- Strategie Instrumente zur Dezentralisierung und Zerstörung der von ihr als international nicht wettbewerbsfähig einge- stufen Lohnverhandlungssysteme. Diese Maßnahmen un- terscheiden sich diametral von den seit den 1990er Jahren von gewerkschaflicher Seite unternommenen Koordinie- rungsbemühungen zur Vermeidung von Lohnunterbie- tungswettläufen und wurden auch vonseiten der Arbeitge- ber mehrheitlich abgelehnt. In diesem Aufsatz werden drei Institutionentheorien auf ihren potenziellen Erklärungsbei- trag für die bisherigen gewerkschaflichen Koordinierungs- bemühungen sowie die Ausrichtung der aktuellen europä- ischen Krisenpolitik hin untersucht. Es werden darüber hinaus alternative Konzepte der lohnpolitischen Koordinie- rung und die Voraussetzungen ihrer Durchsetzbarkeit dis- kutiert. Es ist das Verdienst von Arbeiten, die sich auf den Va- rieties-of-Capitalism (VoC)-Ansatz stützen, eine Deutung der Eurokrise entwickelt zu haben, die nicht die Schuld bei den südeuropäischen Ländern und deren vorgeblich ver- schwenderischer Fiskal- und Haushaltspolitik sucht. Sie verweisen auf die institutionellen Unterschiede der natio- nalen Lohnregime, die zu wachsenden makroökonomischen und sozialen Ungleichgewichten zwischen Nordwest- und Südeuropa im einheitlichen Währungsraum beigetragen haben (Hall 2015; Hancké 2013; Höpner 2012, 2014; Höp- ner / Lutter 2014). Gleichwohl können diese Beiträge kaum Möglichkeiten des institutionellen Wandels erfassen, der von transnationalen gewerkschaflichen Akteuren oder Ex- perten (z. B. Tink Tanks) ausgeht. Der soziologische Neo- Institutionalismus (NI) eröfnet den Blick auf die fehlenden Voraussetzungen kompetitiver und institutioneller Isomor- phie (i.e. Homogenisierung oder Angleichung) tarifpoliti- scher Akteure und Strukturen im Euroraum vor der Krise. Die Schafung eines europäischen Feldes autonomer Tarif- verhandlungen ist diesem Ansatz zufolge mangels staatlicher Unterstützungshilfen und fehlender Akzeptanz transnati- onaler Lohnkoordinierung durch die Arbeitgeberseite fehl- geschlagen (Pernicka / Glassner 2014). Der soziologische NI eröfnet aber auch theoretische Perspektiven auf mögliche Feldkräfe, die zu einer Feldgenese autonomer Tarifpolitik Dynamiken von Macht und Gegenmacht in der europäischen Lohnkoordinierung Die innerhalb der Eurozone bestehenden makroökonomischen Ungleichgewichte wurden als eine wichtige Ursache der Eurokrise identifziert. Diese werden vor allem auf die internationalen Unterschiede in der Lohnentwicklung zurückgeführt. Eine mögliche Maßnahme zur Angleichung der Lohnentwicklung ist deren transnationale Koordination. Die von der Europäischen Union (EU) vorgenommenen Eingrife in nationale Lohn- verhandlungssysteme sind jedoch erklärungsbedürfig und werfen die Frage nach möglichen Alternativen auf. Dieser Beitrag geht der Frage nach, mit welchem theo- retischen Instrumentarium sich die europäische Lohnkoordinierungspolitik am besten analysieren lässt. Behandelt werden der Varieties-of-Capitalism-Ansatz, der soziologi- sche Neo-Institutionalismus und Pierre Bourdieus Feldtheorie. 1 SUSANNE PERNICKA 1 Die Autorin möchte folgenden Personen für das konstruk- tive und weiterführende Feedback zu früheren Fassungen dieses Aufsatzes herzlich danken: Nele Dittmar, Vera Glassner, Günter Hefler, Martin Heidenreich, Julia Hof- mann, Torben Krings, Philipp Klages sowie den zwei ano- nymen Gutachtern. © WSI Mitteilungen 2015 Diese Datei und ihr Inhalt sind urheberrechtlich geschützt. Nachdruck und Verwertung (gewerbliche Vervielfältigung, Aufnahme in elektronische Datenbanken, Veröffent- lichung online oder offline) sind nicht gestattet. https://doi.org/10.5771/0342-300X-2015-8-604 Generiert durch IP '207.241.231.81', am 19.07.2018, 02:37:57. Das Erstellen und Weitergeben von Kopien dieses PDFs ist nicht zulässig.