DOI: 10.1002/ckon.201710310 Sicherer Umgang mit Kanülen – von Erfahrungen zu Evidenzen Bernhard F. Sieve,* [a] Christin Taubert [a] und Richard Taubert [a] Zusammenfassung: Medizintechnische Geräte gehçren mittlerweile an vielen Schulen zum experimentellen Repertoire. Von den dabei verwendeten spitzen Kanülen geht jedoch ein nicht zu vernachlässigendes Verlet- zungsrisiko aus, weshalb in der Experimentierliteratur verschiedene und allesamt auf persçnlichen Erfahrun- gen beruhende Empfehlungen zur „Entschärfung“ von Kanülen existieren. In diesem Beitrag werden die Er- gebnisse einer reproduzierbaren Testung des Gefährdungspotentials von auf verschiedene Weise abgestumpf- ten Kanülen in Bezug auf Stich- und Schnitt- bzw. Rissverletzungen vorgestellt. Aus den Ergebnissen werden evidenzbasierte Empfehlungen für die Nutzung von Kanülen im Chemieunterricht abgeleitet. Stichworte: Medizintechnik · Spritzen · Verletzung, The safe use of cannulas – from myth to evidence Abstract: In many schools medical devices are common practice nowadays. But cannulas bear a high risk of injury for stings and cuts. In the experimental literature different recommendations for blunting the cannulas can be found. Here, the results of a reproducible testing for the risk of injury with regards to different blunted cannulas are described, which allow evidence-based recommendations for the use of cannulas in chemistry ex- periments. Keywords: medical devices · cannula · risk of injury 1. Einleitung Viele der klassischen Glasgeräte im Chemieunterricht lassen sich durch medizintechnische Geräte wie Kunststoffspritzen, Heidelberger Verlängerungen und Kulturschalen ersetzen. Mittlerweile gibt es für sehr viele der im Chemieunterricht durchgeführten Experimente ein Spritzentechnik-Pendant – vor allem beim Umgang mit Gasen [vgl. 1–5]. Vorteile sind u.a. die geringeren Substanzmengen, die kostengünstige An- schaffung und die sichere, einfache Handhabung, jeweils im Vergleich zu Apparaturen aus herkçmmlichen Glasgeräten. Zudem sind medizintechnische Geräte leicht mit klassischen Glasgeräten kombinierbar. Einzig der Umgang mit Kanülen birgt grçßere Risiken in Bezug auf Stich- und Schnitt- bzw. Rissverletzungen. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass es eine Reihe von Empfehlungen gibt, wie man das Verletzungs- risiko bei der Nutzung von Kanülen verringern kann. In diesem Beitrag werden diese Empfehlungen vor dem Hinter- grund der RISU sowie gültigen Empfehlungen und Hand- lungsanweisungen für medizinisches Personal [8,9] kritisch be- leuchtet und mithilfe verschiedener Testreihen überprüft, um anschließend auf diesen Evidenzen basierende Handlungs- empfehlungen zu formulieren. Ferner werden Alternativen zu den bisher gebräuchlichen spitzen und scharfen Einwegkanü- len vorgestellt. 2. Empfehlungen aus der Literatur In der Experimentierliteratur zu medizintechnischen Geräten findet man eine ganze Reihe von Hinweisen, wie man mit den messerscharfen und spitzen Kanülen umzugehen habe. Stets wird dabei auf mçgliche Verletzungsrisiken hingewiesen. So empfiehlt Brand: „Schutzbrille tragen, nie Spritzen mit aufge- setzten Kanülen ohne Schutzabdeckung transportieren, ge- brauchte Kanülen umbiegen und in einem speziellen Behälter sammeln und in sicherer Form entsorgen.“ [2, S. 8]. Diese sehr guten allgemeinen Sicherheitshinweise gehen konform mit den Richtlinien zur Sicherheit im Unterricht (RISU). Dort heißt es in der Musterbetriebsanweisung für den Umgang mit Wofür verwendet man Kanülen im Chemieunterricht? Kanülen lassen sich für vielfältige Anwendungen im Chemie- unterricht nutzen. Beispiele sind: * für Tropftrichter, indem Injektstopfen oder Gummistopfen durchstochen und so über die angeschlossene Spritze Lç- sungen in ein Reagenzglas appliziert werden, * zum Applizieren von Gasen oder Flüssigkeiten in Schläuche oder PET-Flaschen, * als Düsen, an denen brennbare Gase kontrolliert verbrannt werden (z.B. Vergleich der Brennwerte von Methan und Butan), * zur Gaseinleitung in eine pneumatische Wanne, ein Reakti- onsgefäß (z.B. Bildung von Kochsalz aus den elementaren Stoffen) oder zum Umspülen einer Elektrode (z.B. mit Wasserstoff), * als Elektroden bei der Elektrolyse von Lçsungen (z.B. ver- dünnte Schwefelsäure), * als Katalysator bei Reaktionen im Gasstrom (z.B. tempera- turabhängige Bildung und Zerlegung von Schwefeltrioxid), * als „Nähnadel“ z.B. für Nylonfäden, die in Injektstopfen oder Gummistopfen eingezogen werden etc. [a] Dr. B. F. Sieve, C. Taubert, Dr. R. Taubert Leibniz Universität Hannover Institut für Didaktik der Naturwissenschaften Fachgebiet Chemiedidaktik Am Kleinen Felde 30 30167 Hannover *E-Mail: sieve@idn.uni-hannover.de CHEMKON 2017, 24, Nr. 5, 387 – 390 2017 Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, Weinheim 387 ARTIKEL CHEMKON