Wege zum Menschen, 62. Jg., 537–555, ISSN 0043-2040
© 2010 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
Perspektiven der Krankenhausseelsorge
Eine Auseinandersetzung mit dem Konzept des Spiritual Care
Isolde Karle
Zusammenfassung: Der Beitrag analysiert die sozialstrukturellen Bedingungen der Kran-
kenhausseelsorge, um auf diesem Hintergrund das spezifsche Potential von Seelsorge im Kran-
kenhaus darzustellen. Es zeigt sich dabei, dass Religion und Medizin trotz vieler Interdependen-
zen unterschiedliche Perspektiven verfolgen. Deshalb wird das Konzept des Spiritual Care, das
die Seelsorge als vierte Säule ins Gesundheitswesen integriert sehen möchte, tendenziell kritisch
beurteilt, was nicht ausschließt, dass es auf Palliativstationen, die selbst zum Gesundheitswesen
randständig sind, sinnvoll sein kann, die Seelsorge strukturell in ein multiprofessionelles Be-
handlungskonzept einzubinden.
Abstract: Tis essay analyzes the socio-structural conditions of clinical pastoral care and
describes the special potential of pastoral care in the hospital. Religion and medicine are related
to each other but follow diferent perspectives. Tat is why it seems to be problematic to integrate
pastoral care as fourth column in the health care system as the concept of spiritual care suggests.
Te concept of spiritual care might make sense in a palliative care unit, because palliative care is
itself at the fringe of the health care system.
1 Die Ausdiferenzierung von Religion und Medizin
Christlicher Glaube distanziert sich nicht vom Leid, das körperliche Krank-
heit mit sich bringt. Die Krankenheilungen Jesu sind dafür das wichtigste In-
diz und haben das Christentum zu einer Religion gemacht, die sich von Be-
ginn an in vielfältiger Weise für die Kranken engagiert hat. Krankheit wurde
dabei nie nur als körperliches Gebrechen, sondern immer auch als seelisch-
geistige Schwächung verstanden.
1
Während der großen Seuchen im 2. und
3. Jahrhundert beschreibt Dionysius von Alexandrien eindrucksvoll die große
Hingabe von Christen, die sich als Pfeger für die Kranken aufopferten, wäh-
rend die nicht-christliche Umwelt die Kranken aus Angst vor Ansteckung und
Tod nicht selten exkludierte. Im 4. Jahrhundert kommt es zur Einrichtung
von Hospitälern, die Hilfsbedürfige aller Art aufnehmen (auch Arme, Wit-
wen, Waisen etc.). Aber auch außerhalb von Spitälern gilt Krankenseelsorge
als besondere christliche Pficht wie die Biographie und Legende von Elisabeth
von Türingen zeigt.
Durch Martin Luther bekommt die Seelsorge an Kranken wesentlich stär-
ker den Charakter des Beistandes und der Tröstung. „In den Kirchen der Re-
1
Vgl. Michael Klessmann, Von der Krankenseelsorge zur Krankenhausseelsorge – historische
Streifichter, in: ders. (Hg.), Handbuch der Krankenhausseelsorge, Göttingen
3
2008, 57.
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