K. Hussein · A. Brix · E. Matin · D. Jonigk
Institut für Pathologie, Medizinische Hochschule Hannover (MHH), Hannover
Tutanchamun:
Evidenzbasierte Paleopathologie
vs. „Fluch des Pharao“
Paleopathologische Untersuchungen von
Mumien und Mumienteilen aus dem al-
ten Ägypten zeigen, dass die damali-
gen Menschen hauptsächlich an trau-
matischen Verletzungen und Infektions-
krankheiten wie Malaria und Tuberkulo-
se gelitten haben [27, 39]. Die Entdeckung
des weitgehend unberührten Grabes des
19 Jahre alten Pharaos Tutanchamun (Re-
gierungszeit etwa 1330–1324 v. Chr.) im
Jahr 1922 war für die Altertumsforschung
eine der faszinierendsten Möglichkeiten,
weit mehr als 3000 Jahre in die Vergan-
genheit zurückzublicken. Die vermeintli-
che Diskrepanz zwischen seinem jungen
Alter, seiner politischen Rolle (die Regie-
rungsgeschäfte wurden offenbar weitge-
hend von Tutanchamuns leitendem Mi-
nister Eje, seinem Armeeführer und Re-
gierungsvertreter Haremhab und seinem
Schatzmeister Maya geführt) und der aus-
gesprochenen Reichhaltigkeit der Grab-
beigaben haben in den mehr als 90 Jahren
seit der Entdeckung zu ausschweifenden
Spekulationen geführt [3, 9, 17, 20, 22, 31].
In dieser Arbeit sollten publizierte pa-
leopathologische Befunde und artifizielle
Veränderungen charakterisiert sowie di-
verse Spekulationen kritisch beleuchtet
werden.
Artifizielle Veränderungen:
Mumifikation vs. Obduktion
Die Entnahme der intrakraniellen, tho-
rakalen und abdominellen Organe war
Teil der altägyptischen Leichenbalsamie-
rung. Somit sind viele Veränderungen auf
die Balsamierung zurückzuführen, wäh-
rend weitere postmortale Alterationen
auf die Untersuchungen zurückzuführen
sind, die mehr als 3000 Jahre nach dem
Tod durchgeführt wurden [20]. Einige
dieser artifiziellen Veränderungen führ-
ten zu der fälschlichen Annahme, dass es
sich hierbei um intravitale Verletzungen
handeln würde [22]. Seit der Exhumie-
rung Tutanchamuns wurde der Leichnam
mehrfach untersucht, letztmalig ausführ-
lich mittels Computertomographie (CT)
und PCR-Analysen (Polymerasekettenre-
aktion) von 2007 bis 2009 [20].
Die ersten Untersuchungen 3 Jahre
nach der Entdeckung im Jahr 1925 wa-
ren weitaus invasiver. So wurde etwa ver-
sucht, die den Leichnam umgebende
Teerschicht dadurch zu erweichen, dass
die Mumie unter der Wüstensonne erhitzt
und der Teer mit heißen Messern abprä-
pariert wurde [3]. Schließlich wurden ei-
ne Dekapitation unterhalb des 7. Halswir-
bels, eine Zersägung des Beckens mit Ab-
trennung der unteren Extremitäten sowie
eine Abtrennung von Teilen der oberen
Extremitäten durchgeführt [3]. Das Ge-
nital wurde abgetrennt und wie CT-Auf-
nahmen zeigen, zwischen den Knien dis-
loziert [20]. Es dürfte sich hierbei um ei-
ne artifizielle Verlagerung im Rahmen der
Beckendestruktionen nach der Exhumie-
rung handeln. Auf dem Hintergrund der
zahlreichen artifiziellen Veränderungen
aus den 20er Jahren ist eine rituelle post-
mortale Kastration im Sinne eines Osiris-
Kults wenig wahrscheinlich. Neueste Un-
tersuchungen legen nahe, dass der Leich-
nam durch eine Oxidationsreaktion der
Balsamierungssubstanzen stark erhitzt
worden sei, was zu verbrennungsartigen
Artefakten des Gewebes geführt haben
soll [38]. Blumenbeigaben und Leichen-
tücher wiesen dabei keine Oxidations-
veränderungen auf [38], allerdings kön-
nen diese auch nach einer (akzidentellen)
chemischen Erhitzung der Leiche ange-
legt worden sein.
Aktuell fehlen Sternum und Rippenan-
teile, aber es ist nicht sicher, ob es sich da-
bei um eine Folge der Balsamierung han-
delt (dieses Vorgehen wäre ungewöhnlich,
da die Thoraxorgane von abdominal her
transphrenisch präpariert wurden), oder
ob diese Gewebeteile bei der Teerschicht-
präparation entnommen wurden und ver-
loren gegangen sind [3]. Die nicht voll-
ständig geklärten Umstände führten zu
der Vermutung einer pektoralen Verlet-
zung durch einen Nilpferdbiss oder eines
Überrolltraumas durch eine Kutsche [3,
17, 38], was sich aber nicht sicher bestäti-
gen lässt. Dennoch werden diese Vermu-
tungen auch aktuell weiterhin unter den
möglichen Ursachen aufgeführt [38].
Insbesondere Schädelknochenverän-
derungen führten zu einer Mordthese, da
kleine intrakraniell zu liegen gekommene
okzipitale Knochenfragmente als trauma-
tische Frakturen gedeutet worden waren
[3, 9]. Allerdings liegen diese Fragmente
auf Resten von eingetrockneter Balsamie-
rungsflüssigkeit, sodass diese sich nach ab-
geschlossener Balsamierung gelöst haben
müssen [5]. Intravitale Frakturfragmen-
te wären in dem Balsamierungsmedium
zu erwarten gewesen [3, 5]. Auch wenn
Tutanchamun ein prominentes Hinter-
haupt zu haben scheint, soll er nach genau-
en Vermessungen keine Dolichozephalie,
sondern eine Brachyzephalie gehabt haben
(. Abb. 1; [20]). Eine zeitweilig vermute-
te Kraniosynostose, fusionierte Halswirbel
oder eine pathologische Verschmälerung
der okzipitalen Knochendecke liegen nach
Der Inhalt dieses Artikels wurde als Antrittsvor-
lesung zu den Habilitationen für experimentelle
Pathologie von Danny Jonigk und Kais Hussein
vorgetragen (Medizinischen Hochschule Hanno-
ver, 11. Oktober 2013).
Pathologe 2015
DOI 10.1007/s00292-014-1940-0
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2015
1 Der Pathologe 2015
|
Übersichten