Dem Buddha geweiht – Seiden aus dem Tempel von Famen 555 REGINA HOFMANN-DE KEIJZER · REGINA KNALLER · MAARTEN R. VAN BOMMEL INEKE JOOSTEN · ANDREAS G. HEISS · HELGA NATSCHLÄGER · BERNHARD PICHLER RUDOLF ERLACH · LUC MEGENS · MATTHIJS DE KEIJZER GELBE UND PFIRSICHBLÜTENFARBENE GEWÄNDER, VERZIERT MIT GOLD UND SILBER – NATURWISSENSCHAFTLICHE UNTERSUCHUNGEN AN SEIDENGEWEBEN AUS DEM FAMEN-TEMPEL Archäologische Funde von mit Goldfäden verzierten Stoffen aus der Tang-Zeit (618-907) sind äußerst selten. In der Sui-Dynastie (581-618) wird erstmals eine persische Goldbrokat 1 -Robe erwähnt, dies zusammen mit der Aufforderung an eine Person namens He Chou 何稠, eine solche Robe zu kopieren 2 . Selbst Kaiser Xuanzong 玄宗 (712-756) besaß nur eine Goldbrokat-Robe und seine berühmte Konkubine Yang Guifei 楊貴妃 eine Goldbrokat-Robe mit Vogelmuster 3 . Archäologische Funde von Goldstoffen aus der Tang-Zeit sind bis heute nur aus Turfan in Xinjiang, den tibetischen Tubo-Gräbern von Dulan in Qinghai und dem Famen-Tempel, westlich von Xi’an, bekannt. In Turfan wurde eine Sutrenhülle aus hellblauer, leinwandbin- diger Gaze – bemalt mit einem Blütenmuster und bedruckt mit Gold – gefunden 4 . Aus Dulan stammt ein mit Streifchen aus purem Gold verzierter Gürtel 5 . Laut Yang Junchang 楊軍昌 sind aus dem Famen-Tempel bislang folgende Stoffe mit Metallfäden publiziert 6 : neun Stickereien mit Goldfäden und eine mit Silber- fäden, sechs Goldbrokate und die beiden mit Gold- bzw. Silberfäden gewebten Rockbünde aus dem Ballen 7 T68. Diese befnden sich derzeit im Archäologischen Institut der Provinz Shaanxi, während weitere von Yang Junchang u. a. analysierte Gewebefragmente mit Goldfäden in der Sammlung des Famen-Tempels aufbe- wahrt werden. Die Goldstoffe aus Famen wurden vom kaiserlichen Umfeld als besonders wertvolle Votiv- gaben für die »Finger-Reliquien Buddhas« gestiftet. Goldstoffe aus der Tang-Zeit sind auch deshalb sehr selten, weil die Gräber der Hocharistokratie in der Nähe der Hauptstadt Chang’an immer wieder ausgeraubt worden sind. Von den Plünderungen während der Rebellion des An Lushan 安祿山 im Jahre 756 berichtet der Tang-Dichter Du Fu 杜甫 (712-770): »[…] selbst die Kaisergräber wurden von der mordlustigen Menge nicht verschont. Nur die goldenen Geräte wurden von ihr mitgenommen, während die leichten Seiden- hüllen der Toten [an Ort und Stelle] vernichtet wurden.« 8 Die Seidengewänder aus dem Ballen T68 waren Gegenstand textiltechnologischer Untersuchungen, die im Rahmen eines interdisziplinären Forschungsprojektes zwischen Dezember 2011 und September 2013 am 1 »Brokat« ist ein gebräuchlicher, aber unpräziser Ausdruck für einen gewebten Stoff mit reicher Verzierung. Er wird vor allem für Gewebe mit Gold- und Silberfäden verwendet, ohne etwas über die Webtechnik auszusagen. – Siehe CIETA Vokabular Deutsch, 8 (Brokat). 2 Sui shu 隋書, juan 68, 1596. 3 Zhao Feng 2012, 224. 4 Chen Weii 1984, Taf. 41. 5 Zhao Feng 2012, 225 f. 6 Siehe den Beitrag von Yang Junchang u. a. in diesem Band, Tab. 1. – Yang Junchang u. a. 2013, 97 f. 7 In der Textilterminologie bezeichnet der Begriff »Ballen« eine aufgewickelte Stoffbahn. Im Falle des Fundes mit der Inventar- nummer T68 bestand dieser sogenannte »Ballen« aus ehemals zusammengefalteten und übereinandergestapelten Kleidungs- stücken. Hierfür ist auch der Fachausdruck »Bündel« (Packen loser zusammengefasster oder zusammengeschnürter, gleichar- tiger Dinge) gebräuchlich. – Siehe www.duden.de/rechtschrei- bung/Buendel (24.04.2017). 8 Girmond 1993, 140 Anm. 78. – Zach 1952b, 106.