Wege zum Menschen, 61. Jg., 19–34, ISSN 0043-2040
© 2009 Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co. KG, Göttingen
Sinnlosigkeit aushalten!
Ein Plädoyer gegen die Spiritualisierung von Krankheit
Isolde Karle
Zusammenfassung: Die Säkularisierung der Gesellschaf hat nicht dazu geführt, dass Krank-
heiten nur noch als Krankheiten beobachtet und therapiert werden. Vielmehr ist gegenwärtig
die Tendenz unverkennbar, dass insbesondere schweren Erkrankungen – in säkular-psychologi-
sierender oder in religiös-spiritueller Weise – Sinn zugeschrieben wird. Welche Paradoxien und
Probleme sich daraus für Betrofene ergeben, zeigt der folgende Beitrag. Christlicher Glaube
ist auf diesem Hintergrund nicht nur in seinem sinngebenden Potential, sondern auch und vor
allem als Kraf zum Verzicht auf religiöse Sinndeutung in Seelsorge und Liturgie zu begreifen.
Abstract: In the presence people tend to ask for the spiritual or psychological meaning of
illnesses. Tis is due to the fact that they aim to control their body and their fnitude. In Chris-
tianity we have a tradition that seeks in a similar way for a religious purpose of sufering. But
there is also a tradition (i. e. Hiob) that refuses to make sense out of dangerous illness. Faith is
understood then as a power that dispenses from a religious use of pain and disease.
Ein Gedicht von Robert Gernhardt:
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5. MAI BEGINN DER CHEMO
Krebskrieger fängt sein Tagwerk an:
Auf denn, Chemie! Heut heißt es: Ran!
Krebskrieger weiß, dass unterliegt,
wer Krebs nur kriegt und nicht bekriegt.
Krebskrieger muss aufs Ganze gehen.
Er stellt die Frage: Wer packt wen?
Packt Mann den Krebs? Packt Krebs den Mann?
Krebskrieger fängt sein Kriegswerk an.
Dieses Gedicht schrieb Robert Gernhardt zu Beginn seiner Chemotherapie.
Es zeigt, dass Menschen von einer schweren Krankheit nicht nur schicksal-
haf ereilt werden, sondern sie auch als Herausforderung begreifen, als etwas,
gegen das sie – wie in diesem Fall bei Krebs – mit einer durchaus ambivalen-
ten Wafe wie der Chemotherapie ankämpfen. Krebs ist der böse Feind, heim-
tückisch und hinterlistig, gegen den ein Krieg zu führen ist. Jetzt geht es um
alles oder nichts: „Packt Mann den Krebs? Packt Krebs den Mann?“
Die Erfahrung schwerer Krankheit hat Menschen immer schon persönlich
herausgefordert. Krankheiten wurden und werden in aller Regel nicht nur als
Teil der conditio humana hingenommen und erlitten, sondern immer auch
1
Robert Gernhardt, Die K-Gedichte, Frankfurt a. M.
3
2006, 29 .
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