Sport und Gesellschaft - Sport and Society, Jahrgang 1 (2004), Heft 2, S. 103-124
© Lucius & Lucius Verlag Stuttgart
Ansgar Thiel und Heiko Meier
Überleben durch Abwehr-Zur Lernfähigkeit des Sportvereins
Survival through Resistance - About the Learning Capability of
Sports Organizations
Zusammenfassung
Sportvereine reagieren auf einen Veränderungsdruck ihrer Umwelt selten einheitlich und keinesfalls
immer so, wie es die damit verbundenen Forderungen nahe legen. Was steckt hinter diesem Phänomen?
Weshalb ist es anscheinend so irrelevant für die E ntwicklung der Sportvereine, wenn externe Experten
die Notwendigkeit von Strukturveränderungen einfordern? Bedeutet dies, dass Sportvereine ausschließ-
lich nach dem G utdünken ihrer Funktionäre operieren, oder dass sie gar unfähig sind, sich von E reignis-
sen in ihrer Umwelt zu Lernprozessen anregen zu lassen? Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit
der Lernfähigkeit von Sportorganisationen. Dabei zeigt sich der Sportverein als besonders lernfähig im
Hinblick auf eine Abwehr von (möglicherweise organisationsgefahrdenden) Irritationen. Die Notwen-
digkeit dieser Abwehr ergibt sich aus den sportvereinsspezifischen Organisationsstrukturen.
Summary
When sport organizations are being pressured to change by their environment, they rarely react uni-
formly or appropriately. What is behind this phenomenon? Why is it apparently so irrelevant for the
development of sports organizations when external experts call for structural change? Is it that sports
clubs act exclusively as their officials think best? Or worse, are they not able to think about change
when being forced by incidents in their surroundings? This paper deals with the learning capability of
sports organizations. In this regard, sports organizations seem to have a particular learning ability in
fending off any hazards (that could harm the organization as it is). The necessity of such defense
strategies results from the organizational structures that are specific to sports organizations.
1 Einleitung
Sportvereine erschienen lange Zeit als Organisationen, die ihre Struktur dem Wandel von
Umweltsystemen anpassen. Dementsprechend wurden Veränderungen in ihrem E rschei-
nungsbild meist als direkte Folge z.B. einer veränderten Wertstruktur in der Gesellschaft,
der Zunahme von Freizeit oder der abnehmenden Bereitschaft der Sportinteressierten,
sich ehrenamtlich zu engagieren, angesehen (vgl. u.a. Anders, 1986; Cachay, 1988; Cachay
& Thiel, 1995; Digel, 1986; Heinemann & Horch, 1988). Doch gesellschaftlicher Struk-
turwandel, sich verändernde sportive Sinnzuschreibungen und damit einhergehende öf-
fentliche Diskussionen spiegeln sich nicht im E rscheinungsbild aller Sportvereine wider.
Manche Vereine öffnen sich durch Kurse für Kunden, andere wiederum nicht. Manche
lassen ihre Gesundheitsangebote durch hauptberuflich angestellte Sportwissenschaftler
organisieren und betreuen, andere wiederum realisieren solche Angebote ausschließlich
ehrenamtlich.
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