KZG/CCH, 35. Jg., 310–328, ISSN (Printausgabe): 0932-9951, ISSN (online): 2196-808X
© 2022 [2023] Vandenhoeck & Ruprecht
Mihai-D. Grigore
Als die Rumänisch-Orthodoxe Kirche groß wurde
Das Jahr 1918 und die Etablierung der nationalen Kirchlichkeit
1 Historische Kontextualisierung
Die Geschichte der rumänischen Großkirche beginnt wenig überraschend im
Kontext der nationalen Erweckung des 19. Jahrhunderts im orthodoxen Südost-
europa unter osmanischer Herrschaf.
Durch die Tanzimat-Reformen mit den am Westen orientierten Modernisie-
rungs- und Säkularisierungsversuchen schufen die Sultane das alte Millet-Sys-
tem ab. Sie öfneten den Untertanen durch Gleichsetzung und Toleranz aller
religiösen Gemeinschafen die Möglichkeit zur Partizipation am politischen,
sozialen und religiösen Leben im Reich. Religionen und Konfessionen waren in
diesem Zusammenhang als ›Körperschafen‹ öfentlichen Rechts und Lebens
verstanden, also mit Recht auf Selbstorganisierung. Sie orientierten sich fortan
nicht mehr an übergreifenden, von oben auferlegten Systemen, wie es im Falle
des Millet-Systems gewesen ist. Obwohl die Tanzimat-Reformen Zentralisierung
und Überwindung nationalistischer Tendenzen intendierten, schlug dies ins Ge-
genteil um. Der Begrif › Millet ‹ blieb weiterhin in Verwendung, jedoch mit radi-
kal geänderter Bedeutung: Während er bis dahin ›Religion‹ bezeichnete (Ortho-
doxes Christentum, Armenisches Christentum, Judentum usw.), bedeutete Millet
nach den Tanzimat-Reformen ›Nation‹.
1
So sah sich zum Beispiel das Ökumenische Patriarchat und die von ihm zen-
tral gesteuerte Orthodoxie mit jurisdiktioneller Wirkung von Ägypten bis nach
Siebenbürgen gezwungen, vor der aufstrebenden Autonomie unterschiedlicher
ethnisch strukturierter Gemeinden auf lokaler Ebene (Millets der Griechen,
Bulgaren, Serben, Albaner) zurückzuweichen. Trotz einer Synode im Jahre 1872,
die das sog. ›Ethnophyletismus‹ (Kirchen- und Gemeindebildung auf ethnischen
Kriterien) zur Häresie und Schisma erklärte, konnte das Ökumenische Patri-
archat den starken Trend der Herausbildung nationaler Kirchlichkeiten nicht
stoppen.
2
1 Vgl. Marcin Marcinkowski, Die Entwicklung des Osmanischen Reiches zwischen 1839
und 1908, Berlin 2007, 45–48. Eine ausführliche Darstellung siehe bei Elcin Kürsat, Der
Verwestlichungsprozeß des Osmanischen Reiches im 18. und 19. Jahrhundert. Zur Kom-
plementarität von Staatenbildungs- und Intellektualisierungsprozessen, 2 Bde., Frankfurt
a. M. 2003.
2 Vgl. Ernst C. Suttner, Der bulgarische Phyletismus – ein geistliches oder weltliches Thema?
in: Ostkirchliche Studien 48 (1999), 299–305.
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