4 Methodik der Analyse von Produktentwicklung
Überall geht ein frühes Ahnen
dem späten Wissen voraus.
Alexander von Humboldt
In diesem Kapitel wird die Methodik dargestellt, die notwendig ist, um die organi-
satorischen, technischen und vor allem psycho-sozialen Prozesse von Konstrukti-
onsarbeit erfassen zu können und damit einer wissenschaftlichen Analyse zugäng-
lich zu machen. Ergebnisse, die auf der dargestellten Methodik beruhen, werden in
den Kapiteln 5 bis 9 dargestellt.
Zunächst jedoch geht es um die Frage, wie Produktentwicklungsarbeit von
Entwicklern, die gemeinsam an einem Entwicklungsprojekt arbeiten, erfasst wer-
den kann. In Abschn. 4.1 werden zuerst die untersuchten Entwicklungsprojekte
vorgestellt, bevor die Erhebungsmethoden für die Konstruktionsaufgabe, den Ar-
beitsprozess, die individuellen Voraussetzungen der einzelnen Entwickler, die
Voraussetzungen der Gruppe und die Rahmenbedingungen beschrieben werden.
Anschließend wird in Abschn. 4.2 erklärt, wie aus den erhobenen Daten sog. Kri-
tische Situationen identifiziert, analysiert und erklärt werden.
4.1 Gruppenarbeit in der Produktentwicklung
Die in Kap. 2 diskutierten Herausforderungen für Entwicklungsingenieure, die
weitreichende Bedeutung der Produktentwicklungsarbeit für das gesamte Produkt-
leben sowie die Ergebnisse aus den Studien zum individuellen Denken und Han-
deln von Konstrukteuren machen deutlich, dass eine zentrale Frage bisher unbe-
antwortet ist, und zwar, wodurch Erfolge und Misserfolge bei der Zusammenarbeit
von Konstrukteuren in der Praxis bestimmt werden. Das wissenschaftliche Ziel
unserer Untersuchungen bestand somit darin, die Bedeutung von Einflussfaktoren
aus den Bereichen Aufgabe, Rahmenbedingungen, Individuum und Gruppe auf
den Konstruktionsprozess und das Ergebnis zu erfassen und zu analysieren.
Für eine detaillierte Analyse von Konstruktionsprozessen unter Berücksichti-
gung des sozialen Kontextes bedarf es der technischen und psychologischen Ex-
pertise, was eine interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ingenieuren und Psycho-
logen unumgänglich macht, wie sie in den berichteten Projekten auch seit vielen
Jahren intensiv betrieben wird.
Im Rahmen der gesamten Untersuchungsserie wurden in vier Unternehmen
zehn Konstruktionsprojekte über insgesamt ca. 40 Wochen „nicht teilnehmend“
beobachtet (was bedeutet, dass die Beobachter nicht gleichzeitig mitarbeiten) und
P. Badke-Schaub et al., Management Kritischer Situationen
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2004