Clinical Epileptology
Originalien
Clin Epileptol
https://doi.org/10.1007/s10309-023-00561-9
Angenommen: 16. November 2022
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Nature 2023
Arzneimittelprüfungen an
Minderjährigen im
Langzeitbereich der Stiftung
Bethel 1949–1975
Dietz Rating
1,5
· Niklas Lenhard-Schramm
2
· Gitta Reuner
3
· Maike Rotzoll
4
1
Abt. Pädiatrische Neurologie, Universitätskinderklinik Heidelberg, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
(Emeritus), Heidelberg, Deutschland
2
Fachbereich Geschichte, Universität Hamburg, Hamburg, Deutschland
3
Institut für Bildungswissenschaft, Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Heidelberg, Deutschland
4
Institut für Geschichte der Pharmazie und Medizin i. Gr., Philipps-Universität Marburg , Marburg,
Deutschland
5
Berlin, Deutschland
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Zusammenfassung
Ausgelöst durch Berichte über Medikamentenerprobungen an Minderjährigen in
Heimen und medizinischen Einrichtungen gab der Vorstand der von v. Bodelschwingh-
schen Stiftungen Bethel eine Untersuchung in Auftrag, ob im Langzeitbereich Bethel
Medikamentenstudien an Minderjährigen durchgeführt und ob dabei die rechtlichen
Rahmenbedingungen eingehalten wurden. In den Jahren von 1949 bis 1975 wurden
2741 Minderjährige länger als 6 Monate im Langzeitbereich Bethel betreut. Hieraus
wurde eine repräsentative Zufallsstichprobe von 256 Patienten gezogen und deren
Akten ausführlich analysiert. An 44 Patienten (16,6 %) wurden insgesamt 55-mal
antiepileptische Medikamente als Prüfpräparat eingesetzt. An 23 Patienten (8,7 %)
wurden 28 psychopharmakologische Präparate erprobt. Insgesamt fanden an 23,8 %
der Patienten Medikamentenprüfungen statt. Besonders häufig fanden diese in den
Jahren 1955 bis 1966 statt. In diesem Zeitraum wurde ungefähr ein Drittel der im
Langzeitbereich lebenden Patienten mit Prüfpräparaten behandelt. Obwohl sich
zu vielen anderen medizinischen und pädagogischen Maßnahmen umfangreiche
Korrespondenz mit den Eltern/Sorgeberechtigten in den Akten befand, wurde in
keinem Fall eine schriftliche Einverständniserklärung oder Aufklärung bezüglich
der Medikamentenprüfungen in den Patientenakten gefunden. Die Praxis in Bethel
unterschied sich auf der legalen, legitimen und praktischen Ebene nicht von der in
ähnlichen Einrichtungen, in denen – wie zahlreiche Forschungsergebnisse nahelegen –
im Regelfall gleich oder ähnlich verfahren wurde. Übliche Praxis dagegen war
– sowohl in Bethel als auch in vielen anderen Institutionen dieser Zeit – die mehr
oder weniger ausgedehnte Durchführung von Arzneimittelprüfungen. In Bethel als
einem anerkannten Zentrum der Epilepsieforschung stand dabei die Prüfung von
Antiepileptika (AE) in einem bisher nicht bekannten Ausmaß im Vordergrund.
Schlüsselwörter
Epilepsie · Antiepileptika· Psychopharmaka · Medikamentenerprobung · Medizinische Forschung
Zeitschrift für Epileptologie 1