„Walser-Volkskunde“ Nahverhältnisse, alpin-kulturelle Rückprojektionen und die Wissenschaft über ein „Bergvolk“ Konrad J. Kuhn Mir sy Schwyzer, mir sy Walser Mir sy Gänfer, Bärner, Fricker, Schaanfigger Mir sy Niederbipper, Oberdeppe, mir sy Usterner, mir sy Fruster, [. . . ] Aber irgendwo töif, töif dinn i üs sy mer alli Walliseller Stiller Has, Walliselle, 2000. Wer heute in den Alpen unterwegs ist, trifft unweigerlich auf sie: Zwischen dem Nordtiroler Paznaun und den Alpen Vorarlbergs, im norditalienischen Aostatal, in den Bergsiedlungen Liechtensteins, in den Dörfern und Tälern des schweizerischen Kantons Graubünden und im Oberwallis finden sich überall Spuren der 1Walserª. 1 Heute gelten in etwa 150 verstreute Orte in einem sich über eine Distanz von 300 Kilometern erstreckenden Raum des Alpenbogens als Walsersiedlungen. Zahlreiche Orts- und Talbezeichnungen tragen diese walse‐ rische Herkunft sogar im Namen, etwa das Groûe Walsertal und das Kleinwal‐ sertal in Vorarlberg oder die Gemeinde Alagna Valsesia im norditalienischen Piemont (Waibel 2014: 237). Die Walser werden als ein ¸Bergvolk‘ dargestellt, das an steilen Hängen und in höchsten Lagen wohnt und wirtschaftet, das eng verbunden ist mit dem rauen Leben in den Bergen, das einen eigenen deutsch‐ sprachigen Dialekt spricht und über besondere Bräuche verfügt. Diese spezifi‐ sche Identität gehe zurück auf eine ¸gemeinsame Herkunft‘ im Oberwallis, von wo die Vorfahren der heutigen Walser im Mittelalter ausgewandert seien. Ver‐ bindend sei also ± so das landläufige und breit tradierte Argument ± eine ¸pio‐ nierhafte Besiedlung‘ auch der höchsten geografischen Lagen, was sich etwa in einer spezifischen Bauweise, in einem erfahrenen Umgang mit den Härten der Natur oder in einer besonderen Rechtsstellung zeige. Derartiges ¸Kultur-Wissen‘ über Walser ± als diffuser ¸historischer‘ Typen- Begriff übrigens bezeichnenderweise geschlechterübergreifend verwendet ± wird heute von zahlreichen Akteur:innen breit rezipiert und dabei ständig re‐ 1 Für hilfreiche Hinweise und wertvollen Austausch danke ich Anna Larl, Alexandra Bröckl, Pascal Germann und (besonders ± und immer wieder gerne) Reinhard Bodner.