Dmitrij Dobrovol’skij
6 Phraseme aus kognitiver und kontrastiver
Sicht
Abstract: Die Anwendung kognitiv orientierter Methoden im Bereich der kon-
trastiven Phraseologie ermöglicht plausible Erklärungen für die Existenz feiner
semantischer Unterschiede zwischen den Idiomen verschiedener Sprachen, die
eine sehr ähnliche bis identische lexikalische Struktur haben, d. h. anscheinend
auch wörtlich übersetzt werden können. Diese Idiome, die bei einer isolierten
Nennung als volläquivalent empfunden werden, erweisen sich in den authenti-
schen Kontexten als Quasi- oder Pseudoäquivalente. Textkorpora liefern viele
Beweise dafür. Die betreffenden semantischen Unterschiede lassen sich meis-
tens auf die Besonderheiten der bildlichen Komponenten der lexikalisierten Be-
deutungen dieser Idiome zurückführen.
Eine weitere Aufgabe der Phrasemuntersuchung aus kognitiver Sicht be-
steht in der Berücksichtigung der Ergebnisse psycholinguistischer Experimen-
te. Die relevanten Ergebnisse zeigen, dass die Idiomatik einer Sprache ein sehr
heterogenes Feld darstellt. Folglich kann keine allgemeingültige Antwort auf
die Frage nach den Prinzipien der Idiom-Verarbeitung im „real time-modus“
gegeben werden. Sowohl die Abfolge einzelner kognitiver Prozeduren bei der
Idiom-Verarbeitung als auch ihre Geschwindigkeit hängen von solchen Fakto-
ren ab wie kontextuelle Umgebung, Bekanntheitsgrad des Idioms, seine se-
mantische Motiviertheit sowie Experiment-Design.
Keywords: Deutsch, Idiom, kognitive Methoden, kontrastive Idiomforschung,
Phraseologie, Russisch
1 Zielsetzung und theoretische Prämissen
Als erstes ist zu fragen, welchen Nutzen das kognitive Herangehen an die Un-
tersuchung der Phraseme verschiedener Klassen im Vergleich zur traditionel-
Anmerkung: Die Arbeit ist im Rahmen des RGNF-Projekts 16-04-00291 entstanden. Für ihre
sorgfältige Lektüre und ihre wertvollen Kommentare danke ich Elisabeth Piirainen.
Dmitrij Dobrovol’skij, Russische Akademie der Wissenschaften, Institut für russische
Sprache, Volkhonka 18/2, 119019 Moskau, Russland, E-Mail: dobrovolskij@gmail.com
Open Access. © 2018 Dmitrij Dobrovol’skij, publiziert von De Gruyter. Dieses Werk ist
lizenziert unter der Creative Commons Attribution 4.0 Lizenz.
https://doi.org/10.1515/9783110538588-007