André Luis Muniz Garcia Nietzsches perspektivische Denkform Zur Verstehenspraxis und Schein-Metaphorik im Aph. 354 der Fröhlichen Wissenschaft1 1 Fragestellung Friedrich Nietzsches Perspektivismus im Aph. 354 der Fröhlichen Wissenschaft ist für seine Umpositionierung der Frage nach der menschlichen Erkenntnis entscheidend. Sie ist es nicht nur deswegen, weil Nietzsche dort den Begriff des Bewusstseins als privilegiertes, spontanes menschliches Erkenntnisvermögen im Ganzen kritisiert hat. Die Kritik ist raffinierter. Die vorliegende Ausdeutung stellt sich einer in der Nietzsche- Forschung vorherrschenden Tendenz entgegen und zielt grundsätzlich darauf, Nietz- sches Umgang mit dem Erkenntnis- und Bewusstseinsbegriff in diesem Aphorismus von einem ‚anti-theoretischen‘ Gesichtspunkt her darzustellen. Ich zeige zunächst, wie Nietzsche sich dabei für die Debatte über die Gestalt des Selbst interessiert, dabei aber nicht von einem spekulativen Ansatz ausgeht. Damit ist gemeint, dass seine Auseinan- dersetzung mit dem Erkenntnis- und Bewusstseinsbegriff im Aph. 354 auf keine bloße Konterkarikatur der modern geprägten, aber schon aus der sokratischen Tradition bekannten gewordenen Denkweise ist, nach welcher die Möglichkeit der Selbsterkennt- nis in einem substantiellen, selbstbezüglichen und selbstreflexiven Vernunft-Prozess bestünde. Wenn es so wäre, dann würde sein ‚Perspektivismus‘ als vermeintliches Gegenkonzept zum überlieferten Bewusstseinsbegriff immer noch spekulativ bleiben und als eine Art theoretische Konkurrenz die Naivität der kritisierten Position lediglich via negationis wiederholen. Demgegenüber bin ich der Meinung, dass sich Nietzsches Perspektivismus im Aph. 354 der Fröhlichen Wissenschaft angemessener als ästhetische Vorgehensweise begreifen lässt – als eine Vorgehensweise, die – eng mit der Barock- rhetorik des perspicere-Konzepts verbunden – die Debatte über menschliches Erkennen aus ihrer erkenntnistheoretischen Komfortzone herauszuführen sucht. Als entschei- dendes Manöver Nietzsches lassen sich mindestens zwei Strategien hervorheben: (1) die Perspektivierung des Erkennens durch die Verstehenspraxis und (2) deren wichtige Implikationen qua Übertragung seiner Erkenntnisauffassung auf ein rhetorisch konzi- piertes Gesichtsfeld. Der vorliegende Beitrag soll diese zwei Schritte nachvollziehen. 1 Der vorliegende Aufsatz ist Bestandteil eines Forschungsprojekts, das von der Fundação de Amparo à Pesquisa do Distrito Federal (FAP-DF) gefördert wird. DOI 10.1515/NIFO-2018-0023 Brought to you by | Iowa State University Authenticated Download Date | 1/27/19 3:17 PM