43 Noyon A. Existenzielle Ansätze in ... PiD - Psychotherapie im Dialog 2019; 20: 43–48 Aus der Praxis Existenzielle Ansätze in der Psychotherapie Alexander Noyon Am Lebensende stellen sich Menschen häufg Fragen, die sich kaum in Begrifen wie „Problem“ und „Lösung“ defnieren lassen. PsychotherapeutInnen sind dann nicht selten überfordert, weil sie sich selbst unter Druck setzen, doch eine „Lö- sung“ zu fnden – selbst dann, wenn es diese gar nicht geben kann. Existenzielle Therapieansätze können hier bereichernd sein. Denn sie bieten eine therapeuti- sche Grundhaltung an, die vom Problemlösungsparadigma weg- und zum Mensch- lichsein in der Therapie hinlenkt. Was ist existenzielle Psychotherapie? Spätestens mit den Schriften von Irvin Yalom [1] ist exis- tenzielles Denken weltweit stärker in den Fokus der Auf- merksamkeit geraten. Doch was sind die spezifschen Kri- terien einer existenziellen Therapie? Im Detail haben wir dies an anderer Stelle dargestellt [2]. Im vorliegenden Bei- trag konzentrieren wir uns auf eine praxisnahe Vermittlung der Grundideen in ihrer Anwendung in der Arbeit mit Men- schen, die das Ende ihres Lebens absehen können. Aus Sicht vieler Protagonisten ist das Wichtigste am exis- tenziellen Denken die Grundhaltung. In der existenziel - len Therapie spielen konkrete Techniken oder Manua- le nämlich eine untergeordnete Rolle. Aus existenzieller Perspektive handelt eine therapeutisch tätige Person zu- erst als „Mensch“ und erst in zweiter Linie als „Therapeu- tIn“. Abb. 1 veranschaulicht die entsprechenden Dimen- sionen. Danach lassen sich menschliche Fragen stark vereinfacht aufspannen zwischen den Polen „Umgrenzte Anliegen“ und „Tiefgreifende Themen“. Umgrenzte Anliegen sind klar defnierbar und lassen sich meist gut übersetzen in Problem-Lösungs- bzw. Ist-Soll-Zusammenhänge. Dann sind möglichst zielgerichtete Strategien angezeigt (z. B. Entspannungstraining). Tiefgreifende Themen wie z. B. Ängste vor dem Tod lassen sich mit manualisierten Stra- tegien hingegen in der Regel nicht angemessen aufgrei- fen. Dann gewinnt das „Menschlichsein“ [3] und damit die therapeutische Grundhaltung an Bedeutung. Die therapeutische Grundhaltung in der existenziellen Psychotherapie Je stärker Menschen mit Grenzsituationen wie Leid, Schuld, Sterblichkeit usw. konfrontiert werden, desto stärker wün- schen sie sich im Regelfall eine als echt und authentisch erlebte persönliche Begegnung. In diese einzutreten kann therapeutischerseits großen Mut erfordern, da mit größerer Nähe verschiedene zwischenmenschliche Bezie- hungsqualitäten einhergehen. Dazu gehört beispielsweise die wachsende Notwendigkeit zur Selbstöfnung. Wie weit eine Selbstöfnung gehen sollte, ist bei Prakti - kerInnen und ForscherInnen umstritten. Irvin Yalom geht dabei sehr weit, was er in seinen Publikationen illustriert und was ihn in dieser Hinsicht vorbildlich macht [4, 5, 6]. Das bedeutet nicht, dass jede(r) TherapeutIn in vergleich- barem Maße Selbstöfnung betreiben muss; die Grenze hierfür sollte stets dem persönlichen Wohlbefnden ent- sprechen. Was ein(e) TherapeutIn über sich nicht preisge- ben möchte, das sollte sie/er für sich behalten. Außerdem ist oberstes Gebot stets die Wahrung der eigenen Hand- lungsfähigkeit: Ein(e) TherapeutIn soll emotional betei - ligt sein und „mitschwingen“, aber nicht überwältigt und am Ende selbst zum „Trostfall“ werden. Existenzielle The- rapie ermutigt jedoch dazu, in der Selbstöfnung bis an den Rand des eigenen Wohlbefndens zu gehen und sich dabei nicht durch ein falsches Professionalitätsverständ- nis bremsen zu lassen. Gerade noch nicht allzu erfahrene TherapeutInnen be- fürchten oft, sich mit einer Selbstöfnung unprofessionell zu verhalten und damit angreifbar zu machen. Aus super- visorischer Erfahrung kann ich aber bestätigen, dass die meisten Selbstöfnungsimpulse, die sich mit dem Bauch gut anfühlen, angemessen sind und nicht die Grenzen einer professionellen Beziehung verletzen. In der Regel wird sich hierdurch die Beziehung in einer heilsamen, trös- tenden und beruhigenden Art und Weise vertiefen und an Authentizität gewinnen. Wesentlich ist dabei jedoch stets, dass der Fokus bei der Patientin/dem Patienten blei- ben muss – es darf nicht so weit kommen, dass auf einmal Heruntergeladen von: Glasgow University Library. Urheberrechtlich geschützt.