Griechische Literatur – ein Musterfall
von „Literatur und Religion“
(mit einer Interpretation von Sapphos
Fragment 2 Voigt)
Anton Bierl
Einleitung
Bereits im Jahre 2006 organisierte ich eine Tagung zum nämlichen Thema „Litera-
tur und Religion“ in Basel. Daraus entstand eine detaillierte Buchpublikation zum
Phänomen bei den Griechen und ihren Nachbarkulturen. In meinen zwei Beiträgen
und in der Einleitung zu dem Doppelband Literatur und Religion,
1
der zugleich die
Reihe MythosEikonPoiesis begründete, äußerte ich mich bereits eingehend zur Pro-
blematik in der Gräzistik und Klassischen Philologie.
2
An dieser Stelle werde ich
nun noch genauer auf die Frage eingehen, warum die alten Griechen einen Mus-
terfall in der fruchtbaren Wechselbeziehung zwischen beiden Diskursen darstellen.
Mit dem Blick auf die Antike verbinde ich das Anliegen, dem sehr allgemein und
grundlegend gestellten Thema in diesem Band, der ebenfalls eine der Frage ge-
widmete Reihe eröffnet, die notwendige historische Tiefendimension zu verleihen.
Hellas als „das nächste Fremde“
3
ist allerdings nicht nur Modell, sondern auch Fo-
lie und Zerrspiegel in dieser Debatte. In der Kontrasterfahrung mit dem Anderen
hoffe ich, neue Denkanstöße für das heutige Literatur- und Religionsverständnis
zu liefern. Denn zunächst, d. h. vor allem in der archaischen und klassischen Zeit
1
Anton Bierl/Rebecca Lämmle/Katharina Wesselmann (Hg.): Literatur und Religion. Wege zu
einer mythisch-rituellen Poetik bei den Griechen. Bd. I–II. Berlin/New York 2007.
2
Anton Bierl: Literatur und Religion als Rito- und Mythopoetik. Überblicksartikel zu einem neuen
Ansatz in der Klassischen Philologie. In: Bierl/Lämmle/Wesselmann, Literatur und Religion I
(Anm. 1), 1–76; ders.: Mysterien der Liebe und die Initiation Jugendlicher. Literatur und Religion
im griechischen Roman. In: Bierl/Lämmle/Wesselmann, Literatur und Religion II (Anm. 1), 239–
334.
3
Uvo Hölscher: Selbstgespräch über den Humanismus. In: Ders.: Die Chance des Unbehagens.
Drei Essais zur Situation der klassischen Studien. Göttingen 1965, 53–86, hier 81; ders.: Das
nächste Fremde. Von Texten der griechischen Frühzeit und ihrem Reflex inder Moderne. Hg. von
Joachim Latacz/Manfred Kraus. München 1994, 278.
A. Bierl ()
Basel, Schweiz
E-Mail: a.bierl@unibas.ch
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W. Braungart, J. Jacob, J.-H. Tück (Hrsg.), Literatur / Religion,
Studien zu Literatur und Religion / Studies on Literature and Religion Band 1,
https://doi.org/10.1007/978-3-476-04694-9_2