Originalien Manuelle Medizin 2017 · 55:40–50 DOI 10.1007/s00337-016-0189-5 Online publiziert: 23. September 2016 © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016 B. Losert-Bruggner 1 · M. Hülse 2 · R. Hülse 2 1 MICCMO, Privatzahnärztliche Praxis für Cranio-Mandibuläre Orthopädie, Lampertheim-Hüttenfeld, Deutschland 2 Universitäts-HNO-Klinik Mannheim, Sektion Phoniatrie, Pädaudiologie und Neurootologie, Universität- Heidelberg, Heidelberg, Deutschland Fibromyalgie bei Patienten mit chronischer CCD und CMD Eine retrospektive Studie an 966 Patienten Die Fibromyalgie (Faser-Muskel- Schmerz) bzw. das Fibromyalgiesyn- drom (FMS) ist eine chronische Erkran- kung. Sie ist charakterisiert durch weit verbreitete Schmerzen mit wechselnder Lokalisation in der Muskulatur und um die Gelenke sowie durch Rückenschmer- zen und auch Druckschmerzempfind- lichkeit. Begleitsymptome sind Müdig- keit, Schlafstörungen, Morgensteifigkeit, Konzentrations- und Antriebsschwäche, Wetterfühligkeit, Schwellungsgefühl an Händen, Füßen und Gesicht und vie- le weitere Beschwerden [7, 8, 15, 28, 35]. Obwohl dieser Beschwerdekomplex bereits Anfang des 20. Jahrhunderts meist als „Fibrositis“ beschrieben wurde [17, 18], benutzte Hench den Begriff „Fibromyalgie“ erstmals 1976 [13, 20]. Schmerzenlassensichnachklinischen Kriterien in monolokuläre Schmerzen (eine Körperstelle), regionale Schmerzen (eine Körperregion, z. B. Schulter/Arm) und Schmerzen in mehreren Körper- regionen einteilen. Die Mehrzahl der Schmerzorte finden sich im muskulo- skeletalen System. Bevölkerungsbasierte Studien zeigen, dass die meisten Menschen mit musku- loskeletalen Schmerzen mehr als einen Schmerzort angeben. Muskuloskeletale Schmerzen in mehreren Körperregio- nen, auch „chronic widespread pain“ (CWP) genannt, haben eine Präva- lenz von 10–14 %, wobei das weibliche Geschlecht signifikant häufiger betrof- fen ist [6, 37]. Fibromyalgiepatienten weisen zudem eine signifikant erhöhte Rate an Komorbiditäten auf und er- halten überdurchschnittlich häufig eine Schmerzmedikation [13, 16, 36]. Bis das American College of Rheuma- tology (ACR) 2010 [36] die Diagnosekri- terien einer Fibromyalgie von 1990 [38] grundlegend neu definierte, waren für die Diagnose FMS neben einem mehr als 3 Monate bestehenden CWP mindestens 11 von 19 schmerzhafen Tenderpoints obligat. Bereits 2003 wies Wolfe [35] je- doch darauf hin, dass die auf der Tender- point-Untersuchung beruhende Diagno- se dem komplexen Krankheitsbild des FMS nicht gerecht wird. In den 2010 ver- öffentlichten modifizierten Kriterien des ACR [36]. Schmerzen in mehreren Körperre- gionen können spezifische Ursachen haben (z. B. entzündlich-rheumatische Erkrankungen oder diffuse Knochenme- tastasen). Bei den meisten Betroffenen mit chronischen Schmerzen in mehre- ren Körperregionen lassen sich keine spezifischen somatischen Krankheitsur- sachen finden. Neben den chronischen Schmerzen in mehreren Körperregionen gehören zu den FMS-Kernsymptomen Schlafstörungen bzw. ein nichterholsa- mer Schlaf sowie Müdigkeit bzw. körper- liche und geistige Erschöpfungsneigung [33]. Angehörige einer deutschen FMS- Selbsthilfeorganisation [13] berichteten in einem selbstentwickelten Symptom- fragebogen über zahlreiche körperli- che und seelische Beschwerden. Die Hauptsymptome (>97 % der Betroffe- nen) waren Muskelschmerzen wech- selnder Lokalisation, Rückenschmerzen, Müdigkeit, Gelenkschmerzen wechseln- der Lokalisation, das Gefühl, schlecht geschlafen zu haben, Morgensteifigkeit, Zerschlagenheit am Morgen, Konzentra- tionsschwäche, Antriebsschwäche sowie geringe Leistungsfähigkeit und Verge- sslichkeit. Diese Beschwerden wurden von FMS-Patienten aus verschiedenen deutschen klinischen Einrichtungen wie auch von Patienten der US-amerika- nischen Datenbank für rheumatische Erkrankungen sowie von einem Pati- enten- und Expertenkonsens über die „key domains des FMS“ ebenfalls als häufigste Beschwerden angegeben. Das FMS kann als funktionelles so- matisches Syndrom klassifiziert werden, d. h. es liegen körperliche Symptome vor, wobei eine körperliche Erkrankung ausgeschlossen wird, die das typische Symptommuster ausreichend erklärt (z. B. strukturelle Gewebeschädigung, biochemische Störung, spezifische La- borbefunde). Das FMS ist wahrschein- lich eine „Endstrecke“ unterschiedlicher Krankheitsursachen und -mechanismen mit deutlich reduzierter Lebensqualität [29, 36]. Die Autoren dieses Beitrags haben in einer retrospektiven Studie die Daten ih- rer Patienten der letzten Jahre ausgewer- tet. Dabei konnten sie feststellen, dass ein Großteil der chronischen und bis- lang therapieresistenten Patienten den di- agnostischen Kriterien der S3-Leitlinie [13] der Arbeitsgemeinschaf der Wis- senschaflichen Medizinischen Fachge- sellschafen (AWMF); und damit auch den modifizierten vorläufigen diagnos- 40 Manuelle Medizin 1 · 2017