Redaktion
G. Wolf, Jena
E. Schleußner, Jena
Nephrologe 2009 · 4:301–305
DOI 10.1007/s11560-008-0258-4
Online publiziert: 16. Mai 2009
© Springer Medizin Verlag 2009
J. Gerth · G. Wolf
Klink für Innere Medizin III, Klinikum der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Physiologische Adaptationen
während der normalen
Schwangerschaft
Leitthema
In der Schwangerschaft werden im
mütterlichen Organismus anato-
mische, physiologische und metabo-
lische Umstellungen vollzogen, die
der optimalen Entwicklung des Fe-
tus dienen. Nahezu alle Organsyste-
me unterliegen während dieses Ab-
schnittes physiologischen Verände-
rungen. Die Kenntnis dieser Vorgän-
ge ist einerseits unerlässlich, um
diese Veränderungen physiologischen
Vorgängen zuordnen und damit eine
Abgrenzung von einem krankhaften
Geschehen vornehmen zu können.
Andererseits können in der Schwan-
gerschaft vorbestehende, teilwei-
se subklinisch verlaufende Erkran-
kungen demaskiert bzw. aggraviert
werden.
Die Kenntnis der physiologischen Um-
stellungen in der Schwangerschaft ist für
die verschiedenen Fachgebiete zur Ein-
ordnung der Veränderungen unabding-
bar. In . Tab. 1 sind die wichtigsten Ver-
änderungen dargestellt. Die schwanger-
schaftsassoziierten Veränderungen sind
nach der Geburt komplett reversibel.
Veränderung des
Herz-Kreislauf-Systems
Die Veränderungen des Herz-Kreislauf-
Systems können als die ausgeprägtesten
Anpassungen während der Schwanger-
schaft angesehen werden, da diese den
Ansprüchen an Sauerstoff- und Nähr-
stofftransport von Mutter und Fetus ge-
nügen müssen.
Die Lage und Größe des Herzens ver-
ändert sich im 2. und 3. Trimester im
Sinne einer moderaten Zunahme der
Muskelmasse sowie einer Verlagerung des
Herzens nach lateral durch die sich nach
kranial verschiebenden abdominellen Or-
gane (Herzspitzenstoß an der linkslate-
ralen Thoraxwand). Dies hat sowohl Aus-
wirkungen auf das EKG-Bild (z. B. Ände-
rung des Lagetyps, P- und T-Wellen-Ne-
gativierung) als auch auf den Auskultati-
onsbefund (physiologische Spaltung bei-
der Herztöne, Systolikum über der Herz-
basis) [4, 5].
Der arterielle Blutdruck ist in den ers-
ten beiden Dritteln der Gravidität redu-
ziert und steigt gegen Ende der Schwan-
gerschaft wieder auf physiologische, vor
der Schwangerschaft übliche Werte an
(. Abb. 1). Gleichzeitig kommt es zu ei-
ner Zunahme der Herzfrequenz um 15–
20 Schläge/min [4]. Der Abfall des Blut-
drucks findet trotz eines signifikanten
Anstiegs des Herzzeitvolumens um bis
zu 40% statt. Dies wird durch einen über-
proportionalen Abfall des systemvasku-
lären Widerstandes (sowie des pulmona-
lvaskulären Widerstandes) hervorgeru-
fen [7]. Die Ursachen für diese Verände-
rungen sind nicht komplett aufgeklärt.
Während die Katecholaminspiegel wäh-
rend der Schwangerschaft unverändert
bleiben, kommt es zu einer Hochregulati-
on aller Komponenten des Renin-Angio-
tensin-Aldosteronsystems. Allerdings be-
steht unter Schwangerschaftsbedingungen
eine Resistenz der arteriellen Gefäße ge-
genüber der vasokonstriktorischen Wir-
kung von Angiotensin II, die ätiologisch
bislang ebenfalls nicht komplett geklärt
werden konnte [3]. Weiterhin nimmt die
Steifigkeit (Compliance) der Gefäßwände
während der Schwangerschaft zu. Dass
es trotz dieser Veränderungen zu einem
Abfall des systemvaskulären Widerstands
kommt, wird maßgeblich auf eine ver-
stärkte Sekretion vasodilatatorischer Ge-
webshormone, insbesondere von Stick-
stoffmonoxid und Prostaglandinen zu-
rückgeführt. Die Zunahme des arteriel-
len Blutdrucks im letzten Trimenon wird
mit einer Zunahme des systemvaskulären
Widerstands erklärt. Eine Fehlregulation
in diesem System wird unter anderem mit
der Entstehung einer Präeklampsie in Zu-
sammenhang gebracht [15].
Anatomische und funktionelle
Veränderungen der Nieren
und des Harntraktes
Während der Schwangerschaft kommt es
zu einer Hypertrophie der Nephrone und
einer Zunahme des tubulointerstitiellen
Volumens im Rahmen der generalisier-
ten Flüssigkeitseinlagerung der Gewe-
be. Damit einhergehend wird eine Grö-
ßenzunahme der Nieren um ca. 1–1,5 cm
Tab. 1 Übersicht über die wichtigsten
physiologischen Veränderungen der
Schwangerschaft mit Beeinflussung der
Nierenfunktion
Nierenhypertrophie
Dilatation des Nierenbeckens
Renal Hyperperfusion und glomeruläre
Hyperfiltration
Abnahme des peripheren Widerstandes
(Reduktion des Blutdruckes)
Zunahme des Herzzeitvolumens
Zunahme des Plasmavolumens durch
Natriumretention
Veränderte Osmoregulation mit ADH-
Erhöhung
301 Der Nephrologe 4 · 2009
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