120 List Forum fUr Wirtschafts- und Finanzpolitik, Band 32 (2006), Heft 2, S. 120-136 Multifunktionalitat und das Dilemma der Liberalisierung Henry Wiistemann / Stefan Mann Zusammenfassung / Abstract Der Begriff der Multifunktionalitat sensibilisiert dafiir, dass iikonomisches Handeln geradezu konstitutio- nell mit zahlreichen Externalitaten verkniipft i'st. Von diesen Externalitaten kiinnen nur einige sinnvoll monetarisiert werden und zudem ist eine Internalisierung nur in manchen Fallen effizient. Wir zeigen auf, dass die reduktionistische Vorgehensweise der Wohlfahrtsiikonomik gerade auch durch den gesellschaft- lichen Wertewandel an immer engere Grenzen stiiBt. Durch eine Erweiterung der Betrachtungsweisen der Wohlfahrtsiikonomik werden negative Aspekte des freien Handels aufgezeigt, was ein Dilemma der Libe- ralisierung sichtbar macht. The term multifunctionality makes it clear that economic action is, indeed, constitutionally linked with 8 lot of externalities. From these externalities only some have a meaningful monetary value. And only ir certain cases it is efficient to internalise them. We show that the reductionist approach of welfare econom ics is of steadily decreasing meaning due to a change of societal values. By broadening the scope of wei fare economics, negative aspects of free trade are traced which visualise a dilemma of liberalization. I. Einleitung Auch wenn der Begriff der Multifunktionalitat bereits einige lahrzehnte alt ist, 1 hiilt t erst 1990 Einzug in den - zunachst agrarpolitischen - Diskurs. 2 Er sensibilisiert flir di zahlreichen Extemalitaten, die von der Landwirtschaft iiber die Produktion von Giitel hinaus bereitgestellt werden. Der Begriff der Multifunktionalitat ist niitzlich, urn zu h schreiben, dass wirtschaftliches Handeln geradezu konstitutionell von den verschieden ten Extemalitaten begleitet wird. Dies trifft sicher nicht nur auf die Landwirtschaft z doch aufgrund der starken okologischen und kulturellen Eigenarten der Nahrungspr duktion in der Natur ist die Landwirtschaft ein gutes Beispiel, urn die Verkniipful marktrelevanter und nicht marktrelevanter Faktoren zu demonstrieren. 3 Dabei bietet d Begriff auch ein theoretisches Fundament flir zahlreiche Diagnosen FRIEDRICH LIS- wie zu zeigen sein wird. 4 Neben der Verknappung natiirlicher Ressourcen und den sich verandemden soziaJ Praferenzen als Folge historischer, kultureller und gesellschaftlicher Prozesse, hat' allem der vermehrte Wohlstand zu einer kulturellen Verschiebung weg von materiali: Vgl. DIETERICH (1953). Vgl. BOHMAN ET AL. (1999). V gl. MANN / WDSTEMANN (2005). Vgl. LIST (1841) und (1946).