Abstract zur Konferenz Digital Humanities im deutschsprachigen Raum 2020 Passive Präsenz tragischer Hauptfiguren im Drama Willand, Marcus marcus.willand@gs.uni-heidelberg.de Universität Heidelberg, Deutschland Krautter, Benjamin benjamin.krautter@ilw.uni-stuttgart.de Universität Heidelberg, Deutschland; Universität Stuttgart Pagel, Janis janis.pagel@ims.uni-stuttgart.de Universität Stuttgart Reiter, Nils nils.reiter@uni-koeln.de Universität Stuttgart; Universität zu Köln Einleitung Dramen entwerfen einen fiktiven sozialen Raum (Bourdieu 1985), dessen Bewohner sich ständig aktiv und passiv sozial verhalten, also entweder selbst dramatisch handeln oder zum passiven Gegenstand dramatischer (Ver-)Handlungen werden. Pointiert ließe sich sagen, sie hassen und lieben, bzw. werden geliebt und werden gehasst. Von der Forschung wurde indes nur selten betont, 1 dass die passive Präsenz von Figuren – also das Sprechen über Figuren, die in einer Szene nicht auftreten – ebenso interpretationsrelevant ist wie deren aktive Handlungen. So untergräbt beispielsweise die tragische Protagonistin des Stücks Emilia Galotti (Lessing 1772) die moralische Integrität ihrer sozialen Klasse, indem sie einen anderen Mann als ihren standesgemäß verlobten Appiani verehrt: den Prinzen. Tragödienfähige Fallhöhe (Schopenhauer [1818] 1977) erreicht Emilia aber nicht durch ihr Begehren, sondern durch ihr begehrt werden. In unserem Beitrag möchten wir den Zusammenhang zwischen aktiver und passiver Figurenpräsenz in dramatischen Texten untersuchen, indem wir quantitative und qualitative Analysen kombinieren. In einem ersten Schritt entwickeln wir eine Operationalisierung für eine computergestützte Analyse aktiver und passiver Präsenz und werden in einem zweiten Schritt die aus den Analysen resultierenden Ergebnisse mit besonderem Fokus auf Hauptfiguren diskutieren. Forschungsdiskussion Seit einigen Jahren gilt die Netzwerkanalyse als eine der zentralen Forschungsgebiete innerhalb der digitalen Dramenanalyse. Typischerweise modellieren Netzwerke auf Basis von Konfigurationsmatrizen (vgl. Marcus 1973, ins. S. 308ff. und Pfister 2001, S. 235–240) aber nur die aktive (szenische) Präsenz von Figuren (Moretti 2011; Trilcke u.a. 2015; Piper u.a. 2017), obwohl Ko-Präsenz-Relationen nur einen eingeschränkten Aussagewert bezüglich der „soziale Welt“ eines Dramas zulassen. Denn sie beruhen lediglich auf Informationen über die Anzahl an Szenen, in denen Figuren gemeinsam auftreten. Aktive Figuren wurden aber natürlich auch anders beforscht. Karsdorp u.a. (2015) stellen einen Ansatz zur automatischen Bestimmung von Liebesbeziehungen vor, Willand und Reiter (2017) verwenden semantische Wörterbücher, um Figurenrede und Geschlecht in einen Zusammenhang zu stellen. Nalisnick und Baird (2013) analysieren das Sentiment aktiver Figuren, allerdings um ihre Dialogpartner zu charakterisieren und dadurch Wendepunkte in den Figurenbeziehungen zu identifizieren. Die passive Präsenz ist bisher noch nicht eingehend untersucht worden. Aktive und passive Figurenpräsenz Die aktive Präsenz von Figuren lässt sich unterschiedlich operationalisieren, etwa indem der Anteil der Rede einer Figur an der Gesamtrede einer Szene oder eines Akts gemessen wird. Abb. 1 zeigt dies für die fünf Akte von Emilia Galotti. Jeder Balken repräsentiert einen Akt, jede Farbe den Anteil einer Figur an der Gesamtrede des Akts: Abbildung 1: Emilias aktive Präsenz in den fünf Akten des Stücks. Die Farben indizieren unterschiedliche Figuren. In den Akten 1 und 4 ist Emilia überhaupt nicht aktiv präsent. In den Akten 2, 3 und 5 ist sie es, aber der Anteil ihrer Rede vergleichsweise gering. Wieso aber ist sie titelgebende Protagonistin dieses Stücks, wenn sie doch kaum handelt? Deutlich wird das, betrachtet man ihre passive Präsenz: