1 Verfassunggebende Gewalt in umstrittenen Gemeinwesen Peter Niesen Abstract The idea of a pouvoir constituant was first used in the French Revolution to describe the authority of the people in acts of fundamental law-making. For complex polities such as the EU, authors have introduced the notion of pouvoir constituant mixte to describe the two-level (member-state/Union level) allocation of constituent power. Recently, Geneviève Nootens has criticized the extrapolation of constituent language from the context of „well-defined“ and „uncontested“ polities, such as states, to contested transnational polities like the EU. I respond by showing, first, that in the federalist tradition of constituent power, states can be contested polities, too. I then argue for the superiority of the pouvoir constituant mixte hypothesis over the „monist“ alternative that federalist authors such as Stephen Tierney paint. I argue that under the pouvoir constituant mixte hypothesis, both levels of constituent power need to be exercised in a complementary and reciprocally self-limiting manner. Vorbemerkung Seit der Französischen Revolution ist pouvoir constituant die zentrale Kategorie demokratischer Legitimation: die Macht und Autorität des Volkes, sich innerhalb staatlicher Strukturen eine Verfassung zu geben und alle anderen Autoritäten daran zu binden. Um der komplexeren Struktur suprastaatlicher Gemeinwesen wie der Europäischen Union (EU) gerecht zu werden, wurde in jüngerer Zeit der Ausdruck „pouvoir constituant mixtegeprägt. Er bezeichnet die Aufteilung der konstituierenden Autorität in der EU auf zwei Ebenen, die Ebene der Mitgliedstaaten und die Ebene der Union (I). Seine Innovation liegt darin, dass die höherstufige Anordnung und Ausübung konstituierender Autorität, 1 die auf bereits konstituierten Staaten aufbaut, in ihrer Komplexität 1 Die deutschsprachige Formel von der verfassunggebenden Gewalt, die über lange Zeit die einzige einschlägige Übersetzung von pouvoir constituant darstellte, wird in jüngster Zeit innerhalb der politischen Theorie von alternativen Übersetzungsvorschlägen wie „konstituierende Macht“ und „konstituierende Autorität“ ergänzt, s. Ahlhaus, Niesen und Patberg 2015. Im vorliegenden Beitrag verwendete ich verfassunggebende Gewalt sowie konstituierende Macht, Autorität oder Gewalt als synonyme und als gleichberechtigte Übersetzungen von pouvoir constituant und constituent power.