Vom konservativen zum egalitären Wohlfahrtsstaat Radikale Arbeitszeitverkürzung als Voraussetzung für eine umfassende Work-Life Balance Ursula Stöger, Margit Weihrich, Fritz Böhle, Norbert Huchler, Marc Jungtäubl und Vera Kahlenberg Beitrag zur Ad-Hoc-Gruppe »Geschlossene Teilgesellschaften? Der Wohlfahrtsstaat und die Work-Life Balance seiner Bürgerinnen und Bürger« Einleitung Der Beitrag plädiert für eine radikale Arbeitszeitverkürzung auf etwa 30 Stunden pro Woche bei vollem bzw. gestaffeltem Gehalts- und vollem Personalausgleich zur Verbesserung der Work-Life Balance von Bürgerinnen und Bürgern. Bislang zielen Maßnahmen zu deren Förderung auf individuelle Lösungen zur Reduzierung der Arbeitszeit, richten sich faktisch hauptsächlich an Frauen und verfolgen vorrangig das Ziel einer besseren Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Betreuungsaufgaben. Erst in den letzten Jahren werden mit gesetzlichen Regulierungen verstärkt Männer als Adressaten einer Work-Life Balan- ce angesprochen, bislang jedoch erst in geringem Umfang erreicht. Wir halten dafür, dass eine kollek- tive Arbeitszeitverkürzung diese Verwerfungen korrigieren würde. Unser Anspruch geht aber noch weiter. Auf der Basis einer radikalen Arbeitszeitverkürzung lassen sich die Umrisse eines neuen gesellschaftlichen Produktionsmodells skizzieren, das den Übergang von einem konservativen zu einem egalitären Wohlfahrtsstaat markiert und Lösungen für weitere aktuelle wohlfahrtsstaatliche Probleme bereithält und auch auf diesem Weg eine bessere Work-Life Balance befördert: den Schutz der Gesundheit, die Förderung der Beschäftigungsfähigkeit, Organisation und Verbesserung von Care-Arbeit, Förderung sozialer und demokratischer Partizipation und schließlich eine Reduzierung von Arbeitslosigkeit und die Verringerung von sozialer Ungleichheit. Nicht zuletzt können auch die Unternehmen von einer radikalen Arbeitszeitverkürzung profitieren. Deshalb wollen wir das Thema „Arbeitszeitverkürzung“ nicht nur auf die politische Agenda setzen, sondern auch auf die Agenda der Soziologie; wir freuen uns, dass es auf dem 38. Kongress der Deut- schen Gesellschaft für Soziologie diskutiert wird. Mit unserem Beitrag versuchen wir eine Antwort auf eine der drei im CfP für diese Ad-hoc-Gruppe gestellten Forschungsfragen zur Work-Life Balance im Wohlfahrtsstaat: „Ist Arbeitszeit (Dauer, Lage, Regulierung etc.) das angemessene Kernthema, oder sollten weitere lebensqualitätsrelevante Aspekte wesentlich stärker als bisher betrachtet werden?“ Wir halten beides für richtig: Arbeitszeit ist das passende Kernthema; und eine radikale kollektive Arbeits- zeitverkürzung würde viele weitere Aspekte der Lebensqualität betreffen und positiv beeinflussen.