Vom Ende des Empedokles Von THORSTEN RIES (Harn burg) ABSTRACT Die textkritische Rekonstruktion der Entstehung der Fragmente von Hölderlins Der Tod des Empedokles beeinflußt neben der Gestalt des edierten Textes auch dessen Lektüre. In einer textgenetischen Lektüre wird das historio-poetologische Problem der Empedokles-Entwürfe entwickelt und durch die Verflochtenheit von schriftlichem Zei- chen und Geschichte die Perspektive nicht auf eine Zirkularität, sondern eine Darstellung des Unter- und Übergangs als "innigem" eröffnet. Reconstructing the writing process of Hölderlin's fragments of Der Tod des Empe- dokles not only has an impact on the final text design, but also on the way the drama is read. A 'textgenetical' reading will reveal the historical-poetological problem of the Empedokles fragments and in which way the written sign and history being intertwined in this way raise the perspective that Hölderlin's representation of demise and transition is rather "innig" than circular. Die Komplexität der Entstehung und Textkonstitution von Friedrich Höl- derlins Fragmenten zum Tod des Empedokles verschafften wichtigen Ord- nungsleistungen auf editorischem Gebiet und Deutungen von großer Reich- weite eine erhebliche Haltbarkeit. Seitdem Friedrich Beißner in der Großen Stuttgarter Ausgabe (StA)l erstmals die Erste und Zweite Fassung voneinander geschieden hatte, gab es gegen die von ihm konstituierte Genese kaum noch gravierende Einwände. Die Residuen beruhen hauptsächlich auf den Schwie- rigkeiten, die speziell Dramenentwürfe mit sich bringen, welche mehrere Text- träger umgreifen und inhaltlich wie genetisch zusammenhängen. Die sich daraus ergebenden Uneindeutigkeiten des Befundes haben im Detail zu ab- weichenden Genesenkonstitutionen geführt, welche zuweilen recht artifiziell begründet sind. Auch die funktionale Bestimmung der Entwurfs- und Text- grenzen erwies sich als schwierig. Von einer wohlfundierten Lösung dieser Probleme ist man derzeit noch weit entfernt. Schon deshalb nimmt wunder, daß bei derartigen Schwierigkeiten die Erkenntnisse Beißners zur Genese bis- lang weitgehend unangefochten blieben und sogar die Frankfurter Hölderlin- Ausgabe (FHA)2 sich schwertut, einen "neue[n] Text" (12) zu präsentieren. Eine neuerliche genetische Lektüre der Empedokles-Fragmente allerdings 1 Friedrich Hölderlin, Empedokles, Große Stuttgarter Ausgabe, hrsg. Friedrich Beißner, Stuttgart 1961, IV/I, IV/2. 2 Friedrich Hölderlin, Empedokles, Frankfurter Ausgabe, hrsg. D. E. Sattler, Frankfurt am Main 1985, XII, XIII.