KORRESPONDENZ Zur gegenwärtigen Entwicklung des philosophischen Diskurses im deutschen Sprachraum* Von HERBERT HRACHOVEC und FRANZ MARTIN WIMMER (Wien) Herbert Hrachovec West und Ost Eine Debatte über das Erbe der DDR scheint nicht entstehen zu können. Die zaghaft zwischen Unterdrückung und Widerstand aufkommenden Ansätze zu einer Identität der Intellektuellen dieses Staates implodiert unter dem Überdruck der westdeutschen Wirt- schaftsmacht. Das sind die Fakten. Sie sprechen für sich, ihnen soll hier nicht wider- sprochen werden. Die Vorstellung, es könnte zu einer produktiven Auseinandersetzung zweier Traditionslinien kommen, trägt nicht. Verständlich, daß viele zu den Stärkeren überlaufen, um nicht trübsinnig zu werden. Aber es gibt auch gebremstere Reaktionen. Im Westen selbst hat sich Widerstand gegen die Praxis des medial gleichgeschalteten multinationalen Kapitalismus entwickelt. Sie scheint der geeignetere Ansprechpartner, wenn es darum geht, über Defizite, welche die ökonomische Expansion produziert, klarzukommen. Indes: Auch diese versuchsweise Verständigung ist alles andere als gleichberechtigt. Nicht nur die gesellschaftlich dominanten Einstellungen, auch die Bemühungen, ihnen Alternativen entgegenzusetzen, stehen nicht mehr in Konkurrenz. Die systemimmanente Kritik im Westen hat zu den ehemaligen, vorsichtig subversiven, Lebensformen, die sich nun glücklicherweise überholt haben, einen bestenfalls antiquarischen Zugang. Können beide voneinander lernen? Ich möchte das anhand der Erfahrungen in einem Treffen von Philosophinnen und Philosophen aus der DDR und Österreich sowie der anschließenden Lektüre der Nummer 3/1990 der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie" diskutieren. Mein Haupteindruck geht dahin, daß die Formen des Widerstands innerhalb der zu- sehends erfolgreich-expansiven Konsumgesellschaft eine ganz andere Richtung genom- men haben, als die zum Selberdenken befreiten Kollegen aus dem Osten ansprechen. Grob gesagt: Das aufgeklärte Subjekt, auf das die Beiträge in der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie" sich nun zurückbeziehen, hat nicht darauf gewartet, von diesen Nach- züglern entdeckt zu werden. Für das Verständnis der Theoriekonstellation im Westen ist von entscheidender Bedeutung zu sehen, daß die Apostrophierung von so etwas wie „sich im Produktions- und Reproduktionsprozeß selbst zum Zweck setzenden, in der Gemeinschaft sich selbst entfaltenden und realisierenden Individuen" (Steffi Richter, S. 267) hier gegenwärtig nicht zum Vokabular oder in den Erfahrungshorizont irgendeiner marginalisierten Gruppe gehört. Im Kontext der hiesigen Diskussion verweisen solche Formulierungen auf einflußreiche, an humanistischen und sozialdemokratischen Werten orientierte, Politiker und Philosophen, die den pragmatischen Kampf um Einfluß und Ressourcen nicht bestreiten wollen, ohne eine wenig Utopie anklingen zu lassen. Der Haken ist nur, daß mit der Aneignung der kantischen Humanitätsvorstellung durch den Parlamentarismus einAusdrucksbereich für jene blockiert wird, die mehr sagen wollen, als die Mehrheit der Wähler hören will. Brought to you by | Nanyang Technological University Authenticated Download Date | 6/9/15 9:46 AM