Nervenarzt 2008 · 79:320–327
DOI 10.1007/s00115-007-2375-0
Online publiziert: 19. Januar 2008
© Springer Medizin Verlag 2008
M. Rösler
1
· W. Retz
1
· P. Retz-Junginger
1
· R.D. Stieglitz
4
· H. Kessler
1
· F. Reimherr
2
·
P.H. Wender
3
1
Neurozentrum, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg/Saar
2
Psychiatric Department, University of Utah, Salt Lake City
3
Harvard Medical School, Boston
4
Psychiatrische Universitätspoliklinik , Basel
ADHS-Diagnose bei
Erwachsenen
Nach DSM-IV, ICD-10 und den UTAH-Kriterien
Originalien
Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyper-
aktivitätsstörung (ADHS) ist eine häu-
fige psychiatrische Erkrankung mit Be-
ginn im Vorschulalter. Über die Adoles-
zenz hinaus setzt sich die Störung in etwa
der Hälfte der Fälle in das Erwachsenen-
alter fort. Dabei kann die Symptomatik
als Teilsyndrom oder als volles klinisches
Bild erhalten bleiben [14, 29]. In epidemi-
ologischen Erhebungen in den USA wur-
de die Prävalenz für ADHS bei Erwach-
senen mit ca. 4% bestimmt [10, 11, 17]. In
einer niederländischen Studie wurde eine
Prävalenz für Erwachsene von 1–2,5% er-
mittelt [12]. Grundlage der Diagnostik ist
in wissenschaftlichen Studien in der Re-
gel die DSM-IV-Klassifikation der Ameri-
can Psychiatric Association [2]. Die ICD-
10-Klassifikation der WHO [8] wird vor
allem im Bereich der Kinder- und Jugend-
psychiatrie im Europa verwendet. Für die
Psychiatrie der Erwachsenen ist dieses
System allerdings nur bedingt geeignet.
Dafür maßgeblich ist der Umstand, dass
die ICD-10 in ihrer Version für den kli-
nischen Gebrauch keine diagnostischen
Kriterien, sondern lediglich glossarielle
Beschreibungen bereithält. Die ICD-10-
Version für Forschungszwecke [9] ver-
fügt zwar über 18 diagnostische Kriterien,
um die Kernsymptomatik der ADHS im
Sinne der Unaufmerksamkeit (UNAUF),
Impulsivität (IMP) und Hyperaktivität
(HYPER) abzubilden, indessen handelt
es sich bei diesen Kriterien um die von
DSM-IV. In dieser Hinsicht stützt sich die
ICD-10 ganz auf die DSM-IV-Konzepti-
on. Allerdings weicht die ICD-10 auf der
Ebene der Diagnosen deutlich von DSM-
IV ab. Die Unterschiede werden in der ta-
bellarischen Darstellung (. Tab. 1) zu-
sammengefasst.
Der gemischte Typ nach DSM-IV
stimmt weitgehend mit der einfachen
Aktivitäts- und Aufmerksamkeitsstörung
von ICD-10 überein. Sowohl UNAUF als
auch IMP und HYPER sind Bestandtei-
le der Diagnose. Für diese DSM-IV-Dia-
gnose müssen 12 von 18 Kriterien nachge-
wiesen werden, die ICD-10 begnügt sich
mit 10 Kriterien. Die beiden Subtypen
mit überwiegender UNAUF oder mit
überwiegender HYPER/IMP im Sinne
von DSM-IV gibt es nach ICD-10 nicht.
Ebenso wenig kennt die ICD-10 eine re-
siduale ADHS. Damit sind Fälle diagnos-
tizierbar, bei denen im Kindesalter oder
der Jugend die diagnostischen Kriterien
vollständig erfüllt waren, aber später ein
Rückgang der Symptomatik eintrat, so
dass im Erwachsenenalter die diagnosti-
schen Schwellenwerte nicht mehr erreicht
wurden. Die hyperkinetische Störung des
Sozialverhaltens der ICD-10 ist eine Kom-
bination der einfachen Aktivitäts- und
Aufmerksamkeitsstörung (F90.0) mit
den Störungen des Sozialverhaltens (F91).
Die Störungen des Sozialverhaltens (SDS)
sind Diagnosen des Kindes- und Jugend-
alters, die bis zum 18. Lebensjahr gestellt
werden sollen. Es ist davon auszugehen,
dass ADHS im Kindes- und Jugendalter
in etwa 50% der Fälle mit SDS vergesell-
schaftet ist [4]. Bei den SDS handelt es
sich um Auffälligkeiten, die später nicht
selten in Persönlichkeitsstörungen über-
Tab. 1 Unterschiedliche diagnostische ADHS-Konzeptionen von DSM-IV, ICD-10 und der
Utah-Kriterien [31]
DSM-IV ICD-10 Utah-Kriterien
(Adulte ADHS)
ADHS gemischter Typ, 314.0 Einfache Aktivitäts- und Auf-
merksamkeitsstörung, F90.0
Obligatorisch: Aufmerksamkeits-
störungen und Hyperaktivität
ADHS überwiegende Auf-
merksamkeitsstörung, 314.1
Nicht näher definiert – Sam-
melkategorie, F98.8
Fakultativ (mindestens 2): af-
fektive Labilität, Temperament,
Stressintoleranz, Desorganisation,
Impulsivität
ADHS, überwiegende Impul-
sivität/Hyperaktivität, 314.0
Nicht vorgesehen Keine diagnostischen Subtypen
Nicht vorgesehen Hyperkinetische Störung des
Sozialverhaltens, F90.1
Nicht vorgesehen
ADHS, residualer Typ, 314.8 Nicht vorhanden Nicht vorgesehen
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Der Nervenarzt 3 · 2008