1 Verfahrensweisen der Naturgeschichte nach Linné Staffan Müller-Wille Letzte Version vor Fahnenkorrektur. Veröffentlicht als “Verfahrensweisen der Naturgeschichte nach Linné,” übers. v. E. Schmalen, in Akteure, Tiere, Dinge. Verfahrensweisen der Naturgeschichte in der Frühen Neuzeit, hrsg. v. Silke Fröschler und Anne Mariss, Köln: Böhlau, pp. 109–124. Der Zeitabschnitt in der Geschichte der Naturgeschichte, für den ich die Bezeichnung „klassische“ Periode vorschlage, ist markiert durch das Erscheinen zweier Werke, die als Meilensteine der Geschichte dieser Disziplin gelten: Carl von Linnés zehnter Auflage seines Systema naturæ (Stockholm 1758), ein systematischer Katalog aller zu der Zeit bekannten Mineralien-, Pflanzen- und Tierarten, sowie Charles Darwins On the Origin of Species (London 1859). 1 Während des Jahrhunderts, das zwischen diesen beiden Jahreszahlen liegt, nahm die Naturgeschichte eine Form an, die noch heute von Botaniker*innen und Zoolog*innen anerkannt ist – in dem Maße, dass die Werke dieser Zeit für die Forschung immer noch von unmittelbarer Relevanz sind. Zudem war die Periode von bedeutenden institutionellen, gesellschaftlichen und intellektuellen Entwicklungen geprägt – der Gründung zentraler Institutionen wie dem British Museum oder dem Muséum d’histoire naturelle, der Entstehung neuer professioneller Rollen und eines neuen Fachpublikums für die Naturgeschichte sowie der Ausbreitung von Evolutionstheorien. Doch wie all diese Entwicklungen zusammenhängen, ist noch kaum bekannt, und, die Periode als Ganzes ist wenig erforscht. In diesem Aufsatz möchte ich auf ein Thema eingehen, das in jüngster Zeit in der kulturwissenschaftlichen Erforschung der Wissenschaft und Medizin der Frühen Neuzeit an Prominenz gewonnen hat und auch ein tieferes Verständnis der klassischen Naturgeschichte verspricht: die Verwendung von auf Tinte und Papier basierenden Medien, um Informationen über geografische, soziopolitische und kulturelle Entfernungen hinweg zu sammeln, zu verarbeiten und zu kommunizieren. Der erste Abschnitt enthält einen Überblick über die Informationsökonomie der klassischen Naturgeschichte und vertritt die These, dass sie durch 1 Meine Periodisierung ist inspiriert durch Jean-Marc Drouin: De Linné à Darwin: Les Voyageurs Naturalistes, in: Michel Serres (Hg.): Éléments d’histoire des sciences, Paris 1989, S. 321–335. Sie überschneidet sich teilweise mit Michel Foucaults âge classique, das sich vom späten siebzehnten Jahrhundert bis etwa 1800 erstreckt; vgl. Michel Foucault: Les Mots et les choses, Paris 1966, S. 140–144.