Slawenzeitliche Kirchen im nordostdeutschen Gebiet Felix Biermann Einleitung Der archäologische Kenntnisstand zu den Kirchen der mittel- und spätslawischen Zeit im nordwestsla- wischen Gebiet, dem heutigen Nordostdeutschland, 1 ist sehr begrenzt. Das erscheint bedauerlich, hatte die Christianisierung jenes Territoriums doch eine große kulturhistorische Bedeutung: Schon seit dem 9. Jahr- hundert standen die Nordwestslawen mit dem Chris- tentum in Kontakt, ihr Glaube in Auseinandersetzung und Austausch mit der Religion ihrer westlichen Nachbarn; die seit jener Zeit verstärkt, vielleicht sogar erstmals errichteten gentilreligiösen Tempel werden zuweilen als Spiegel der christlichen Sakralbauten inter- pretiert (vgl. Lübke 2009; Biermann 2009a, 334 f., mit weiterer Literatur). Seit dem 10. Jahrhundert wurden die nördlichen Westslawen zum Objekt der Expansion christlicher Mächte – v. a. des ostfränkischen Reiches, in geringerem Maße der Dänen und Polen – und es entstanden Bistümer. Im 10./11. Jahrhundert nahmen auch erste nordwestslawische Herrscher das Chris- 1 Wir blicken hier auf Mecklenburg-Vorpommern, den öst- lichen Teil Holsteins, Berlin und Brandenburg, vergleichend auch ins polnische Hinterpommern. tentum an, um nachfolgend Kirchen und Klöster zu gründen. Obgleich in diesem Zusammenhang zumindest seit dem 10. Jahrhundert zweifellos Dutzende von christ- lichen Sakralbauten im nördlichen westslawischen Raum errichtet worden sind, gibt es dazu nur verein- zelte archäologische Befunde. Selbst bei großfächigen Ausgrabungen bleibt ihr Nachweis die Ausnahme. Da es auch bei historisch überlieferten Gotteshäusern nur wenige Anhaltspunkte für ihre exakte Lage gibt, gilt bei Kirchen meist, dass sie zwar gefunden, aber nur schwer gesucht werden können. Es waren in der Regel hölzerne Bauten, von denen lediglich spärliche Reste zu erwarten sind. Zudem erschwert den Nachweis, dass reguläre Grabbefunde, die im späten Mittelalter meist zu Kirchfriedhöfen gehörten und damit auf die Nähe einer Kirche hinzuweisen vermögen, in der Slawenzeit auch einen paganen Hintergrund haben können. In manchen Fällen hat überdies die lange sakralörtliche Kontinuität zur Überbauung der frühen Sakral- bauten mit späteren Kirchen geführt. Rudimente der anfänglichen Bauwerke sind dann nicht mehr leicht nachzuweisen. Zusammen mit den schriflichen Quellen lassen sich allerdings einige Aussagen über Gestalt, Funktion Lumír Poláček – Jana Maříková-Kubková (Hrsg.), Frühmittelalterliche Kirchen als archäologische und historische Quelle Internationale Tagungen in Mikulčice VIII, Brno 2010, 331–343 Churches from the Slavic Period in North-Eastern Germany. Tis article presents an overview of the churches from the Mid and Late Slavic Period (10th to 12th century) in north-eastern Germany and is based on the archaeo- logical and historical sources and research. Te current fndings are somewhat limited, but they provide certain evidence of the form, purpose, and situation of these churches. Depending on their primary function they can be classifed as episcopal, mission, feudal, or monastery churches or sacral buildings designed for Christian communi- ties. Besides the well-known buildings corroborated by archaeological evidence, such as the churches in Oldenburg and Old Lübeck, written evidence is essential for understanding early Christian sacral buildings in these areas, where paganism survived for a long time. Examples are the early monasteries in Meklenburg and eastern Holstein in the late 10th century and in the 11th century, or the buildings of Otto von Bamberg in Pommern from the 1220s. Keywords: north-eastern Germany – christianisation – Slavic period – churches – monasteries