1 Franz Bockrath Unmittelbares Verstehen? – Das Beispiel Jean – Jacques Rousseau (erschienen in: A. Hogenová/A. Prázný (Hg.): Prostory Porozumêni. Prag: Univerzita Karlova v Praze 2003, S. 70- 80). Die mit Beginn der Moderne aufgeworfene Frage nach dem „unmittelbaren Verstehen“ ist eng geknüpft an ein geradezu unerschütterliches Vertrauen auf das eigene Ich sowie dessen Fähigkeit, gültige Einsichten zu erlangen. Doch während Descartes hierin vor allem eine theoretische und methodische Aufgabenstellung erkennt, hebt Rousseau bereits ihre existentielle Bedeutung hervor: Wie ist es möglich, den Zumutungen der Zivilisation zu entkommen, um mit sich selbst, das heißt seiner eigenen, wahren Natur, überein zu stimmen? Der Gebrauch des Verstandes bietet schon deshalb keine Gewähr zur Beantwortung dieser Frage, da für Rousseau alle unsere Irrtümer aus unseren Urteilen kommen: „Brauchten wir niemals zu urteilen, hätten wir es nicht nötig zu lernen. [...] Je mehr die Menschen wissen, um so mehr irren sie. Das einzige Mittel, Irrtümer zu vermeiden, ist die Unwissenheit.“ 1 Doch obgleich Rousseau in seinem Erziehungsprogramm penibel darauf achtet, daß sein Schüler Emile zunächst auf die Sicherheit seiner sinnlichen Wahrnehmungen und Empfindungen sich verläßt, bevor er lernt zu urteilen, ist der stets unfertige Mensch – „abgesehen von den wenigen unmittelbaren und sehr spürbaren Beziehungen, die die Dinge mit uns haben“ 2 –, auf sein täuschendes Urteilsvermögen dennoch angewiesen. Im Sinne dieser Auffassung ist das von sich selbst und seiner Kultur entfremdete Individuum sogar dazu verurteilt, sich aus dem falschen Leben herauszureflektieren, um das nichtentfremdete Tier in sich aufzuspüren. Die Forderung des „Zurück zur Natur“ bringt dieses Anliegen in seiner knappsten Form programmatisch zum Ausdruck. 3 Um diese Natur zu entdecken, betätigt sich Rousseau jedoch nicht als Historiker oder Ethnologe, sondern er wählt den scheinbar kürzesten Weg. Als illusionsloser Beobachter seiner selbst gibt er gegen Ende seines Lebens, unter anderem in den „Bekenntnissen“ sowie den „Träumereien des einsamen Spaziergängers“, in geradezu exhibitionistischer Offenheit Zeugnis über sein beschädigtes Leben. Das widersprüchliche Selbst, das darin zum Vorschein kommt, existiert für Rousseau nur im Plural – und diese Einsicht gehört zu den wichtigsten, die er uns hinterlassen hat: „Nichts ist mir so unähnlich wie ich selbst, darum wäre es müßig, mich anders definieren zu wollen, als durch diese einzigartige Mannigfaltigkeit.“ 4 Das eigene Selbst, bei dem Rousseau Zuflucht sucht vor den Anfeindungen und Täuschungen der Gesellschaft, erweist sich nicht als in sich ruhender, verläßlicher Gegenpol. Vielmehr zeigt es 1 Rousseau 1993, S. 205. 2 Ebda. 3 Rousseaus Lehre vom Naturzustand ist durchaus vergleichbar mit der christlichen Vorstellung über die Vertreibung aus dem Paradies. Andererseits ist Rousseau sich sehr wohl bewußt, daß ein wirkliches „Zurück“ unter zivilisatorischen Bedingungen nicht möglich ist. Der Mensch kann sich nur selber „retten“, wenn er s ich „wirklich zum Herren über sich selbst macht; denn der Drang der bloßen Begierde ist Sklaverei, und der Gehorsam gegen das Gesetz, das man sich selbst gegeben hat, ist Freiheit.“ Und vor diesem Hintergrund der notwendigen Vervollkommnung des Menschen wird schließlich sogar „aus einem stumpfsinnigen und beschränkten Tier ein einsichtiges Wesen.“ Vgl. Rousseau 1996 b, S. 284. 4 An anderer Stelle weist der Autobiograph darauf hin: „Ich glaube schon bemerkt zu haben, daß es Zeiten gibt, wo ich so wenig mir gleiche, daß man mich für einen anderen Menschen von ganz entgegengesetztem Charakter halten könnte.“ Rousseau 1996 c, S. 129.