Der Nervenarzt
Leitthema
Nervenarzt 2020 · 91:684–690
https://doi.org/10.1007/s00115-020-00943-8
Online publiziert: 2. Juli 2020
© Springer Medizin Verlag GmbH, ein Teil von
Springer Nature 2020
Bettina Schöne-Seifert
Institut für Ethik, Geschichte und Theorie der Medizin, Universitätsklinikum Münster, Münster,
Deutschland
Placebos und Placeboide in der
therapeutischen Praxis –
begriffliche und ethische
Überlegungen
Ein hochaktuelles Thema
Placebos, im Sinne von Scheinmedika-
menten, sind ein ebenso traditionelles
wie ethisch umstrittenes Instrument in
der ärztlichen Terapie. Neuere For-
schung liefert zum einen aufregende
Daten zur klinischen Relevanz von Pla-
cebophänomenen sowie zu ihren Kau-
salmechanismen (vgl. Beiträge Kersting,
Bingel; Rief; Schedlowski in dieser Aus-
gabe) und zum anderen Hinweise auf die
mögliche Wirksamkeit auch offengeleg-
ter Placebogaben (vgl. Beitrag Nestoriuc,
Kleine-Borgmann in dieser Ausgabe).
Darüber hinaus belegt sie die placebo-
analoge Wirkung guter therapeutischer
Kommunikation und die komplemen-
tären (Nocebo-)Effekte verunsichernder
Signale im Patienten-Terapeuten-Ver-
hältnis (vgl. Beitrag Hansen et al. in
dieser Ausgabe). All dies sind Gründe,
das Tema Placebo auch aus ethischer
Perspektive neuerlich zu betrachten.
Bevor es um Ethik geht, müssen die
einschlägigen Begriffe kritisch betrach-
tet werden. Es stellt sich die keineswegs
triviale Aufgabe, die relevanten Phäno-
mene begrifflich so zu fassen, dass die
Bezeichnungen unmissverständlich und
systematisch plausibel sind. Mit dieser
Der Text folgt in einigen Überlegungen und
Formulierungen meinem Aufsatz Placebo-
und Nocebo-Efekte in der klinischen Behand-
lung: Begrifiche und ethische Überlegungen. In:
Hauck E/Huster S (Hrsg.) (2019) Wirkprinzipi-
en der Placebo-Effekte in der medizinischen
Behandlung. Nomos, S. 61–82. In wichtigen
Punkten geht er aber über ihn hinaus.
Problematik hat sich bereits eine Reihe
von Experten befasst und ist zu divergie-
renden Antworten gelangt [16, 22, 26].
Aus moraltheoretischer Perspektive ist es
dabei wichtig, dass durch die verwen-
deten Begriffe ethisch relevante Aspekte
und Unterscheidungen sichtbar werden.
Geschärfte Begriffe
In der Sache ist klar: Placebo- und Noce-
bophänomene sind sehr reale, erwünsch-
te bzw. unerwünschte klinische Effek-
te, die – statt über klinisch relevante
Wirkstoffe
1
oder andere behandlungs-
spezifische Kausalmechanismen – über
bewusst oder unbewusst entstandene Er-
wartungen hervorgerufen werden. Prä-
gend für das ursprüngliche Begriffsver-
ständnis von Placebophänomenen ist das
absichtliche Verabreichen eines Schein-
medikaments – z.B. eines Zuckerkügel-
chens –, das glaubhaf als echtes Medika-
ment verabreicht wird und im Erfolgsfall
allein durch die damit geweckte Besse-
rungserwartung wirkt. Solche Scheinbe-
handlungen wurden und werden nicht
nur in der therapeutischen Praxis einge-
setzt, sondern routinemäßig und mit gu-
ten Gründen auch in der klinischen For-
schung. Hier nämlich lässt der Vergleich
zwischen Scheinmedikamenten im „Pla-
ceboarm“ und echten Medikamenten im
„Wirkstoffarm“ einer kontrollierten Stu-
die wichtige Rückschlüsse auf den thera-
1
Die häufig gemachte Unterscheidung zwi-
schen reinen und unreinen Placebos trägt zur
ethischen Analyse wenig bei.
peutischen Mehrwert der letztgenannten
zu. Genau diese beiden Szenarien aber
– die Gabe von Scheinmedikamenten in
der Praxis oder Forschung – können bei
der Wahl geeigneter Begriffe zu gravie-
renden Missverständnissen führen und
legen nahe, die verallgemeinernde Rede
von Placeboeffekten aufzugeben und dif-
ferenzierendere Begriffe zu verwenden.
Warum?
»
Nicht alle Symptomver-
besserungen im Placeboarm
einer klinischen Studie sind über
Erwartungen vermittelt
Zum einen sind bekanntlich längst nicht
alle Symptomverbesserungen, die im
Placeboarm einer klinischen Studie
festgestellt werden, über Erwartungen
vermittelt. Vielmehr können solche Bes-
serungen auch auf den Spontanverlauf,
statistische Phänomene oder Besonder-
heiten des Forschungsdesigns zurück-
gehen. Für die forschungsleitende Frage
nach der Überlegenheit der Resultate
im Wirkstoffarm ist das völlig unpro-
blematisch. Es verbietet sich jedoch,
die positiven Placeboarmeffekte in toto
als Erwartungseffekte zu verstehen, die
in diesem Ausmaß auch in der Klinik
erwartet werden könnten. Ein promi-
nenter Vorschlag zur Vermeidung dieses
Missverständnisses ist die Empfehlung,
begrifflich zwischen „Placeboeffekt“ und
„Placeboantwort“ zu unterscheiden [7,
11, 12]. Doch die begrifflichen Zuord-
684 Der Nervenarzt 8 · 2020