Die verbreitetsten grammatischen Modelle lettischer Toponyme Sanda Rapa & Renāte Siliņa-Piņķe 1. Einleitung Obwohl die Anfänge der Grammatik als einer Teildisziplin der Sprachwissen- schaft älter als die ersten wissenschaftlichen onomastischen Forschungen sind, wurden die grammatischen Modelle der Eigennamen sehr wenig erforscht. Oft wird nur festgestellt, dass die morphosyntaktischen Beziehun- gen eine gewisse Grauzone der Onomastik darstellen (Алёкшина 1997: 135). Die meisten Forscher haben Eigennamen als Teile größerer Texteinheiten behandelt. Hier sind z. B. Leonhard Bloomfield, John Algeo, Willy Van Lan- gendonck u.a. zu nennen (z.B. Bloomfield 1933, Algeo 1973, Алёкшина 1997, Tallerman 1998, Matthews 2000, Van Langendonck 2000). Keiner von ihnen hat jedoch gezielt die inneren grammatischen Beziehungen der Eigennamen behandelt. 1 Das haben nur wenige Forscher getan, meistens Onomasten der betreffenden Sprachen, wie auch Vertreter der Dependenz- und der generati- ven Grammatik. Im Lettischen ist hier nur Velta Rūķe-Draviņa (1971) zu nen- nen, die Bildungsmuster zusammengesetzter Toponyme auflistet. Die syntaktischen Beziehungen in onymischen Wortverbindungen bilden eher ein Interessenfeld der Onomasten, die die Eigennamen sowohl als Wörter, wie auch als syntaktische Einheiten betrachten („ein Eigenname zu sein bedeutet sowohl die Eigenschaften des Satzes, wie auch die des Wortes zu erlangen“ (Суперанская 1973: 109)). Es wird auch die Notwendigkeit betont, Eigennamen aus der Sicht der Grammatik zu analysieren. Leider gibt es keine grundlegenden wissenschaftlichen Forschungen auch in dieser Teildisziplin der lettischen Sprachwissenschaft; die wenigen Werke sind ohne vertieftes Wissen in die modernen syntaktischen Theorien und deren Terminologie ent- standen (Rūķe-Draviņa 1971, Бушс 2001). So kann man diese zwei Bereiche der Sprachwissenschaft – Onomastik und Syntax – immer noch als voneinan- der isoliert bezeichnen. So gesehen sind die im vorliegenden Beitrag präsen- tierten Resultate erstmalig in der lettischen Onomastik. In der traditionellen Toponymie wird bei der strukturell-grammatischen Klassifizierung und bei der Unterscheidung der Topoformanten gewöhnlich 1 Kleinere Einblicke in onomastischen Strukturen siehe z.B. Schnabel-Le Corre (2015), Mitrović (2010), Laur (1996). Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons-BY 3.0 Deutschland Lizenz. http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/