1 Franz Bockrath Kompetent-inkompetent: Plädoyer für eine reflexive Sportpädagogik (erschienen in: Swen Körner/Volker Schürmann (Hg.): Reflexive Sportwissenschaft. Konzepte und Fallanalysen. Berlin: Lehmanns Media Verlag 2015, S. 57-71). 1. Umsteuerung des Bildungssystems Die Absicht, nach dem so genannten PISA-Schock 1 das deutsche Schulwesen grundlegend zu verändern, bestimmt die öffentliche und fachwissenschaftliche Diskussion seit mehr als einer Dekade. Entwickelt wurden inzwischen erste Instrumente zur so genannten Outputsteuerung, wie die Einführung von Bildungsstandards für die Grundschule und Sekundarstufe I, die im Rahmen selbsternannter „Bildungsoffensiven“ durch regelmäßige Evaluationen schulischer Leistungen und Bildungsangebote angewendet werden. Auch der Schulsport blieb von diesen Maßnahmen nicht unberührt, und dies, obwohl das OECD-Interesse bisher nur auf die Kernfächer Mathematik und Deutsch sowie die Fremdsprachen und Naturwissenschaften eingeschränkt ist. Nachdem das Instrument der Qualitätssicherung durch die Formulierung einheitlicher Rahmenbedingungen für die Entwicklung nationaler Bildungsstandards (vgl. Klieme/Avenarius/Blum et al. 2003) vorangetrieben worden war, gab es kein Halten mehr. Dabei ist offenkundig, dass die KMK-Bildungsstandards deutliche Schwächen aufweisen: „Es handelt sich um Regelstandards, für die bisher keine ausreichend überzeugenden Begründungen vorliegen. Darüber hinaus präsentieren sie sich als ‚Schmalspur -Standards’: Sie sind fachbezogen und im Wesentlichen auf die kognitive Dimension von Lernprozessen konzentriert. In ihrer Funktion verkoppeln sie System-Monitoring, Schul-Evaluation und Lerndiagnose: Dies prädestiniert sie zu Kontroll- und Selektionsinstrumenten. Sie sind weder prozedural noch kontextuell definiert.“ (Pongratz 2009, S. 25) Es spricht sogar einiges dafür, dass diese Schwächen bewusst in Kauf genommen werden, um die aus Sicht der Reformvordenker unergiebigen bildungsphilosophischen Diskurse 1 Seit dem Jahr 2000 werden im dreijährigen Rhythmus in den meisten Mitgliedstaaten der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) vergleichende Schulleistungsuntersuchungen durchgeführt, die das Ziel verfolgen, alltags- und berufsrelevante Kenntnisse und Fähigkeiten 15-jähriger Schülerinnen und Schüler zu messen. Das Akronym PISA steht für Programme for International Student Assesment. Untersucht werden nicht die Leistungen in einzelnen Schulfächern, sondern abwechselnd die Bereiche Lesekompetenz, mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Grundbildung. Der OECD geht es jedoch nicht nur um die Leistungserfassung, sondern über das Instrument der Politikberatung sollen vor allem Anreize zur Leistungsverbesserung gegeben werden. Neben der internationalen PISA-Studie gibt es inzwischen auch einen nationalen Bundesländervergleich (PISA-E), eine so genannte PISA-Elternstudie sowie eine PISA- Erwachsenenstudie (PIAAC), die die Kompetenzen von 16- bis 65-Jährigen überprüft. Die PISA- Vergleichsstudien dienen nach Auskunft der OECD der Entwicklung des so genannten „Humankapitals“, das „für den wirtschaftlichen Erfolg von Nationen und Individuen eine immer entscheidendere Rolle“ spielt. Vgl. OECD 2004, S. 19. Vgl. kritisch dazu die aufschlussreichen Homepages und Internetforen www.bildung- wissen.de; www.blicküberdenzaun.de sowie www.forum-kritische-pädagogik.de, in denen grundsätzliche Einwände gegen die Umsteuerung des Bildungssystems vorgebracht werden. Zur ‚Frankfurter Erklärung’ gegen die Einführung neuer Kontroll- und Steuerungselemente im Bildungssektor vgl. Frost 2006.