Leitsymptom Vertigo
Medikamentöse Therapie bei Schwindel:
Was gibt es Neues?
Andreas Zwergal, Michael Strupp, München
Trotz hoher klinischer Relevanz besteht eine Unter- und Fehlversorgung
des Leitsymptoms Schwindel. Häufig werden zu viele, unwirksame und
rein symptomatische Medikamente eingesetzt. Es gibt jedoch effektive
Therapien gegen peripher- und zentral-vestibuläre Schwindelsyndrome.
S
chwindel ist mit einer Lebenszeit-
prävalenz von etwa 30 % ein häu-
figes Leitsymptom [1]. Ätiologisch
liegen meist Erkrankungen des Innen-
ohrs, Hirnstamms oder Kleinhirns zu-
grunde [2, 3]. Oſt sind es aber auch psy-
chische oder internistische Ursachen. In
der Ambulanz des Deutsches Schwindel-
und Gleichgewichtszentrums finden
sich folgende relative Häufigkeiten der
Diagnosen: Die häufigste Ursache ist
mit 17,1 % der benigne periphere paro-
xysmale Lagerungsschwindel (BPPV),
gefolgt von funktionellem Schwindel
(15 %) und der Gruppe zentral-vestibu-
lärer Schwindelsyndrome (12,3 %),
überwiegend bei vaskulären, entzündli-
chen (Multilple Sklerose) und degenera-
tiven Erkrankungen des Hirnstamms
oder Kleinhirns (Tab. 1 ). Die vestibulä-
re Migräne ist mit 11,4 % die häufigste
Ursache spontan auſtretender episodi-
scher Schwindelattacken. Weitere häu-
fige Diagnosen sind der Morbus Meni-
ère (10,1 %) und die akute einseitige Ves-
tibulopathie (8,3 %). Zusammen ma-
chen diese sechs Erkrankungen etwa
70 % aller Schwindelsyndrome aus.
Nach unseren Erfahrungen bestehen
keine grundsätzlichen Unterschiede zu
den Häufigkeitsverteilungen in anderen
Spezialambulanzen und in der Praxis.
Trotz der hohen klinischen Relevanz
des Leitsymptoms Schwindel besteht
weiterhin eine Unter- und Fehlversor-
gung [4, 5]. Dies gilt sowohl für die Di-
agnosestellung mit zu langer Latenz und
mit zu vielen, meist unnötigen, appara-
tiven Untersuchungen als auch für die
erapie mit Einsatz zu vieler, oſt un-
wirksamer und rein symptomatischer
Medikamente.
Einordnung der Symptome
Die diagnostische Einordnung beim
Leitsymptom Schwindel beruht auf einer
strukturierten Anamnese (Frage nach
der Qualität des Schwindels, Dauer,
Triggerfaktoren und Begleitsymptomen)
sowie klinischen neurootologischen und
-ophthalmologischen Untersuchungen.
Folgende Tests sind hilfreich [6]:
—
Kopfimpulstest
—
Spontan-/Fixations-/Lagerungs-
nystagmus
© BURGER / PHANIE / SCIENCE PHOTO LIBRARY (Symbolbild mit Fotomodell)
Schwindelattacken haben viele mögliche Ursachen. Nur nach exakter diagnostischer
Einordnung können sie entsprechend therapiert werden.
DNP – Der Neurologe & Psychiater 2019; 20 (2) 39 DNP – Der Neurologe & Psychiater 2019; 20 (2) 39
Fortbildung