209 Edward Melhuish Die frühkindliche Umgebung: langfristige Wirkungen frühkindlicher Bildung und Erziehung 1. Einleitung Kinder müssen heutzutage immer umfangreichere und komplexere Fähig- keiten erwerben, um in einer sich wandelnden Welt gute Lebenschancen zu haben. Dabei bestehen hinsichtlich der Gesundheit und Entwicklung der einzelnen Kinder große Unterschiede, die durch ihre soziale Herkunft be- dingt sind. Kinder aus armen Familien sind mit größerer Wahrscheinlich- keit erstens in der Schule nicht so erfolgreich, weisen zweitens im späteren Leben einen schlechteren Gesundheitszustand auf und werden drittens eher kriminell oder in anderer Weise verhaltensauffällig (Holzer et al. 2007). Die Belastungen, die das Aufwachsen in Armut mit sich bringt, können sich auf die neurobiologische Entwicklung des Kindes auswirken und somit zu di- rekten Benachteiligungen im Erwachsenenalter führen (Shonkoff/Phillips 2000). Um diese Situation zu verbessern, müssen politische Maßnahmen gegen soziale Ausgrenzung, Reformen des Bildungssystems und der Ge- sundheitsvorsorge miteinander verzahnt werden. Doch trotz jahrzehntelan- ger Reformen in den Politikfeldern Soziales, Bildung und Gesundheit ist die soziale Herkunft weiterhin und sogar in zunehmendem Maße für die Ent- wicklung und das Wohlergehen von Kindern ausschlaggebend. Das bedeu- tet eine enorme Vergeudung der Talente von Menschen, die in benachtei- ligten Verhältnissen aufwachsen und ihren potentiellen Beitrag zur Gesellschaft nie in vollem Maße werden realisieren können. Darüber hinaus führt dies zu einer zusätzlichen Belastung der gesellschaftlichen Ressourcen, da diese Menschen als sozial benachteiligte Jugendliche und Erwachsene oft in ihrem Wohlergehen beeinträchtigt sind und im Lebensverlauf häufiger staatliche Leistungen in Anspruch nehmen müssen. Hieraus ergibt sich zum einen ein moralisches Dilemma: Wie kann man die Ungleichheit verringern und Menschen zur Verbesserung ihrer Lebens- chancen verhelfen? Zum anderen ergibt sich aber auch ein soziales und ökonomisches Dilemma: Denn eine Gesellschaft mit einem hohen Anteil an