Mafia-Krieg: Simulation von Konflikteskalation in kriminellen Organisationen Martin Neumann, Ulf Lotzmann und Klaus G. Troitzsch Beitrag zur Veranstaltung »Prozesse sozialer Schließung. Theorie, Modell, Experiment« der Sektion Modellbildung und Simulation Einleitung: Organisierte Kriminalität als Staat und Krieg im Entstehen Charles Tilly (1985) hat in pointierter Weise Krieg und Staatenbildung als Form von Organisierter Kri- minalität beschrieben. In komplementärer Weise soll hier Organisierte Kriminalität quasi als Labor zur Untersuchung der Keimzellen von Prozessen der Herrschaftsentstehung untersucht werden. Insbe- sondere die Sizilianische Mafia kann unter dieser Perspektive paradigmatisch genannt werden. Wäh- rend gegenwärtig zwar viele zivilgesellschaftliche Organisationen zur Bekämpfung der Mafia entstan- den sind, ist ihre gesellschaftliche Verankerung ebenso legendär wie die Machtkämpfe innerhalb der Mafia. Daher ist die Mafia vielfach als ‚Hobbessche‘ Gesellschaft beschrieben worden ( Nozick 1974; Arlacchi 1993; Dickie 2007; Dickie 2013). Während die Herrschaft der Mafia als Keimzelle proto-staat- licher Autorität verstanden wird, entsprechen die Machtkämpfe innerhalb der Mafia einem anarchi- schen Zustand eines Kampfes jeder gegen jeden ungezähmt durch eine übergeordnete Machtinstanz. Zu jeder Zeit besteht die Gefahr, dass die für eine kriminelle Organisation relativ wohlgeordnete Struk- tur der Mafia zerfällt. In der Literatur werden zwei größere Mafia-Kriege beschrieben: zu Beginn der 1960er Jahre und Anfang der 1980er Jahre. Nichtsdestoweniger hat die Organisation der Mafia diese Kriege überdauert. Während die überwiegende Mehrheit krimineller Gruppen und Netzwerke eher eine kurze Existenzzeit hat, gehört die Mafia zu den wenigen Beispielen hochgradig persistenter und strukturell differenzierter krimineller Organisationen. Dies macht die Mafia zu einem Labor zum Stu- dium der Evolution sozialer Ordnung. In modernen Gesellschaften wird soziale Ordnung idealtypischer Weise durch das staatliche Gewaltmonopol abgesichert (Weber 1972). Normdurchsetzung wird an die dritte Instanz eines staatlich autorisierten Gerichts delegiert. Diese Form der Konfliktregulierung ist kriminellen Organisationen offensichtlich verwehrt (Erickson 1981; Diesner, Carley 2010; Campana, Varese 2013). Daher müssen Konflikte innerhalb der kriminellen Organisation reguliert werden – eine Herausforderung, an der die meisten kriminellen Organisationen scheitern. Insbesondere haben viele Parteien innerhalb der Organisation Zugang zu Gewaltmitteln. Hier bestehen Parallelen zur Frühzeit der Entstehung staatlicher Autorität vor der Ausdifferenzierung von Legislative, Judikative und Exekuti- ve. Interne und externe Sicherheit ebenso wie Steuererhebung konnten nicht ohne die aktive Unter- stützung von Fürsten gewährleistet werden, die gleichzeitig aber auch Rivalen um die Zentralmacht darstellten (Mann 1986). Dieses Spannungsverhältnis kann eine Gewalteskalation provozieren wie etwa die Britische Anarchie im 12. Jahrhundert. Im Folgenden soll mit Hilfe von Simulationsexperimen-