Usability Professionals : Erfahrung 3/2008 i-com 9 Kerstin Röse und Rüdiger Heimgärtner Kulturell adaptive Informationsvermittlung im Kraftfahrzeug: 12 Uhr in München – Stadtverkehr, 18 Uhr in Shanghai – Stadtverkehr Mensch-Maschine-Interaktion (MMI) im Kraftfahrzeug (KFZ) wird immer komple- xer. In sicherheitskritischen Verkehrssitu- ationen bieten adaptive Systeme die Möglichkeit, die adäquate Gebrauchsfä- higkeit des Systems aufrechtzuerhalten oder zu verbessern und somit die Fahrsi- cherheit weiterhin zu gewährleisten. Da- bei müssen kulturell geprägte Benutzer- präferenzen berücksichtigt werden, die auch multimodale Konzepte der MMI be- inhalten können. Die Vielzahl an Parame- tern muss in Profile und Situationsmodel- le Eingang finden, um eine kulturell ge- prägte situative Anpassung der MMI in Echtzeit garantieren zu können. 1. Scenario Es ist 12 Uhr in München, Hans Hermann fährt mit seinem Sportcabrio durch die Stadt, auf der Suche nach einem Park- platz, um in der Innenstadt ein Mittages- sen mit seinem Geschäftspartner einzu- nehmen. Er hat sich für 12:30 Uhr verab- redet und ist im Moment sicher, seinen Termin rechtzeitig zu erreichen. Er telefo- niert noch mit seiner Frau, um den Thea- terbesuch am Abend abzustimmen. Da meldet sich sein Multi-Infotainment und fordert an der nächsten Kreuzung rechts abzubiegen, denn das Parkhaus in der unmittelbaren Nähe zu Hans Hermanns Ziel-Restaurant hat soeben zwei freie Parkplätze gemeldet. Der autonome Agent hat einen dieser Parkplätze für 10 Minuten reservieren können. Das Naviga- tionssystem berechnet eine Fahrzeit von 8 Minuten bis zur Executive Lane. Hans Hermann wird rechtzeitig zu seinem Ter- min eintreffen… Zur gleichen Zeit, um 18 Uhr in Shang- hai. Xingjiang Xiu fährt mit seinem neuen Komfort-Klassewagen auf dem 8-spuri- gen Highway Richtung Süden. Er hat heute früher Feierabend gemacht, denn es ist sein Geburtstag und seine Freunde und Familie erwarten ihn um 19 : 30 Uhr zum Abendessen. Aber wie jeden Tag, so geht es auch heute nur im Schritttempo vorwärts. Ein Europäer würde sagen: Mega-Stau. Xingjiang Xiu jedoch kennt es als normalen Abendverkehr in der Rushhour. Deshalb freut er sich auch über sein neues Auto. Es vertreibt ihm die Zeit mit den aktuellen Abendnachrichten im News-Channel und checkt gerade seine Emails. Mit der im Lenkrad eingebauten Spielkonsole vertreibt sich Herr Xiu seine Nervosität: seine Frau wollte Ihm einen Überraschungsgast präsentieren und er hat immer noch keine Ahnung, wer es ein könnte. Da eine SMS seiner Frau. Sie hat vergessen, den Lieblingswein des Großonkels einzukaufen. Also schnell die Wein-Marke in den Auto-Service-Agen- ten eingeben und schon hat dieser einen Laden an der nächsten Ausfahrt gefun- den. Nun wird es schwierig, Xingjiang Xiu muss von der fünften Spur auf die erste Spur wechseln, um die Ausfahrt zu errei- chen. Auch hierbei ist der autonome Agent behilflich… Die Anforderungen und Bedürfnisse von Autofahrern sind immer abhängig vom jeweiligen Kontext. Der Kontext beim Kraftfahrzeug wird im Wesentli- chen durch die Verkehrssituationen be- stimmt. Diese Verkehrssituationen sind in jedem Land und jeder Kultur unterschied- lich. Entwickler moderner Kraftfahrzeuge müssen dies schon frühzeitig bei der Konzeption multimodaler und teil-auto- nomer Kommunikations- und Informati- onssysteme berücksichtigen. Die situative Adaption der Informationspräsentation und intelligente Unterstützung spielt hierbei eine wichtige Rolle. Dieser Beitrag zeigt eine Möglichkeit zur Steigerung der Verkehrssicherheit durch die Optimie- rung der Usability mittels kulturell-situa- tiv-multimodal-adaptiver Mensch-Ma- schine-Interaktion im Kraftfahrzeug auf. Er beschreibt vorhandene Problemfelder und mögliche Lösungsansätze, die bei der Konzeption multimodaler Infotain- mentsysteme für verschiedene Kulturen auftreten. 2. MMI im KFZ Mensch-Maschine-Interaktion (MMI) im Kraftfahrzeug (KFZ) wird immer komple- xer, da neben Fahrerassistenzsystemen auch mobile Kommunikation, Infotain- ment und Internetanwendungen unwi- derruflich Einzug in das Kraftfahrzeug halten (vgl. Kolrep et al. 2003). Ferner müssen aufgrund der Globalisierung die Benutzungsschnittstellen im Auto für Be- nutzer unterschiedlichster Kulturen und Märkte ausgerichtet werden können. Da- rüberhinaus sind individuelle Präferenzen zu berücksichtigen als auch die aktuelle Fahrer- und Fahrsituation, um die menta- le Belastung des Fahrers so adäquat wie möglich zu halten (cf. Piechulla et al. 2003). Es muss also die „individuelle“ und die „situative“ Gebrauchsfähigkeit (Usability) solcher Systeme erhöht wer- den: es muss ein effizienter und effektiver Umgang mit den Systemen sowie die Zu- friedenheit der Benutzer sichergestellt und damit die Fahrsicherheit gewährleis- DOI 10.1524/icom.2008.0028