Epidemiologie und Prävention des Hautmelanoms in der Schweiz Jean-Luc Bulliard a , Renato G. Panizzon b , Fabio Levi c a Unité d’épidémiologie du cancer, Institut universitaire de médecine sociale et préventive (IUMSP), Lausanne, b Service de Dermatologie, CHUV, Lausanne, c Unité d’épidémiologie du cancer et Registre vaudois et neuchâtelois desTumeurs, IUMSP, Lausanne CURRICULUM Schweiz Med Forum 2009;9(17):314–318 314 nimmt; seine Häufigkeit verdoppelt sich hier alle 15 bis 20 Jahre. Es leben heute weltweit etwa 650 000 Menschen mit einem Melanom (Prävalenz) [2]. Die Inzidenz variiert um einen Faktor von mehr als 100 zwischen Australien mit der höchsten Inzidenz (55 Männer und 40 Frauen auf 100 000 Einwohner pro Jahr) und Afrika sowie Teilen Asiens [3]. Jährlich werden weltweit etwa 160 000 Fälle neu diagnostiziert, davon etwa 62 000 in Europa [2]. In Europa ist das Melanom bei der Frau häufiger als beim Mann, in Nordamerika und Ozeanien dagegen wird das Gegenteil beobachtet [3] (Abb. 1 x). Da es für disseminierte Melanome noch keine wirksame Therapie gibt und die Behandlung vor allem palliativ bleiben muss, ist die Prognose quoad vitam bei erst im fortgeschrittenen Stadium dia- gnostizierten Fällen ungünstig. Auf der anderen Seite bringt der chirurgische Eingriff im Früh- stadium in vielen Fällen Heilung. Der beste prä- diktive Faktor für die Überlebensdauer ist die Dicke der Läsion (nach Breslow). Die neuesten europäischen Angaben über Patienten, deren Erkrankung um das Jahr 2000 herum diagnosti- ziert wurde, verzeichnen bei dünnen Läsionen von <1 mm 5-Jahres-Überlebensraten von 95%, bei dicken Läsionen von >4 mm dagegen lediglich um die 42% bis 65% [4, 5]. Das Melanom verursacht 40 000 Todesfälle im Jahr, davon 16 600 in Europa [2]. Zwar ist die Mortalität in den Ländern mit hoher Inzidenz höher, jedoch sind die entsprechenden Unter- schiede zwischen den Ländern geringer als dieje- nigen der Inzidenz und tendenziell weiter rück- läufig [1, 6]. So ist die Mortalität an Melanom in Nord- und Westeuropa etwa um 50% höher als in Ost- und Südeuropa, während die Inzidenz hier zwei- bis dreimal tiefer liegt als im Westen und Norden (Abb. 1). Dies dürfte, zumindest teilweise, auf eine frühe Erfassung und in gewissem Aus- mass vielleicht auch auf ein prompteres Vorgehen bei Diagnose und Behandlung in Ländern mit ho- her Inzidenz zurückzuführen sein [1] (Abb. 2 x). Die Situation in der Schweiz Die Schweiz ist durch das Melanom besonders stark betroffen; in den neuesten weltweiten Sta- Das Melanom: ein Public-Health-Problem Die Inzidenz des Melanoms, des schwersten Krebses an der Haut, steigt seit über einem halben Jahrhundert an [1]. Am stärksten sind hellhäutige Menschen in den Industrieländern betroffen. In diesen Ländern ist das Melanom im Allgemeinen die Krebsart, die am meisten zu- CME zu diesemArtikel finden Sie auf S. 311 oder im Internet unter www.smf-cme.ch. Quintessenz Die Inzidenz des malignen Melanoms steigt seit über 50 Jahren stark an. Neben Norwegen ist die Schweiz mit 1700 neu diagnostizierten Fällen pro Jahr das am stärksten betroffene Land Europas. In letzter Zeit sind regionale Unterschiede mit höherer Inzidenz in den West- schweizer Kantonen festzustellen. Änderungen in Einstellung und Verhalten der Schweizer Bevölkerung gegen- über dem Schutz vor Sonnenexposition bestehen noch zu wenig lange und sind zu bescheiden, als dass sie schon einen Einfluss auf die Inzidenz hätten haben können. Dank der seit bald 20 Jahren betriebenen Früherfassung sind Überlebensrate und Anteil an dünnen Melanomen gestiegen, allerdings bei gleichbleibender In- zidenz dicker Läsionen. Die Mortalität aufgrund des malignen Melanoms ist neuerdings rückläufig, vor allem bei den Frauen. Werden die gegenwärtigen Präventionsbemühungen weitergeführt, dürften sich bald noch mehr Erfolge zeigen. Summary Epidemiology and prevention of melanoma in Switzerland The incidence of malignant melanoma has steadily increased in Caucasian populations over the last 50 years. With some 1700 new cases per year, Switzerland has, with Norway, the highest rate of melanoma in Europe. Regional differences within Switzerland are emerging, with a higher incidence in western (French-speaking) cantons. Observed changes in sun protection attitudes and knowledge in the Swiss population have yet to impact on the incidence trend. Early detection, as pursued since the mid-1980s in Switzerland, has led to a substantial increase in survival and rates of thin melanoma, without major change in rates of thick melanoma. Mortality from melanoma has recently decreased, initially in women. The effec- tiveness of prevention campaigns should eventually be confirmed if current efforts persist.