Originalien Schmerz 2016 · 30:248–256 DOI 10.1007/s00482-016-0105-x Online publiziert: 8. April 2016 © Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. Published by Springer-Verlag Berlin Heidelberg - all rights reserved 2016 K. Limbrecht-Ecklundt 1 · P. Werner 2 · H. C. Traue 3 · A. Al-Hamadi 2 · S. Walter 3 1 Schmerzmedizin und Schmerzpsychologie, Zentrum für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Hamburg, Deutschland 2 Institut für Informations- und Kommunikationstechnik, Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Magdeburg, Deutschland 3 Sektion Medizinische Psychologie, Universität Ulm, Ulm, Deutschland Mimische Aktivität differenzierter Schmerzintensitäten Korrelation der Merkmale von Facial Action Coding System und Elektromyographie Das Erleben und Benennen von Schmer- zen hat für den Menschen eine grund- legende Schutzfunktion. Nicht in jeder Situation ist der Mensch in der Lage, Schmerzen zu benennen [14], z. B. post- operativ, insbesondere bei demenziellen Erkrankungen [58]. Der menschliche Gesichtsausdruck ist ein Intensitätsmaß des Schmerzerlebens und eine Möglich- keit, den Schmerzzustand unabhängig von der subjektiven Einschätzung zu beurteilen [1, 911]. Zum Kodieren mimischer Aktivität eignet sich das Fa- cial Action Coding System [12], mit dem spezifische Aktivitäten in einzelnen Muskeln oder Muskelgruppen, die als „action units“ (AU) bezeichnet werden, beschrieben werden können [1316]. Unterschieden wird zwischen AU, die signifikant mit dem Schmerzausdruck korrelieren (z. B. Zusammenziehen der Augenbrauen oder Hochziehen der Lip- pe) und anderen AU, die nur marginal mit Schmerz assoziiert sind (z. B. das Öffnen des Munds; [9, 17]). Die Analyse mimischer Aktivität bei der Überwachung postoperativer Schmerzen bietet die Option, Schmerz- medikation verhältnismäßig zu dosieren [18]. Da im klinischen Alltag keine Kapazitäten vorhanden sind, um die Schmerzmimik fortlaufend durch das Klinikpersonal hinsichtlich FACS über- wachen zu lassen, wird erforscht, welche Signalmerkmale valide sind, um die Er- fassung von Mimik zu automatisieren [1921]. Problematisch ist, dass eine Mi- mikanalyse nur mit qualitativ hochwer- tigen Videosignalen ermöglicht werden kann, d. h. optimalen Lichtverhältnissen oder Vermeidung von Verdeckungen von Gesichtsbereichen; auch Datenschutza- spekte und Kostenfaktoren spielen eine Rolle. Alternativ könnte die Aktivität von Elektromyographie (EMG)-Signa- len, insbesondere des M. zygomaticus und des M. corrugator supercilii Infor- mationen über die Schmerzintensität geben [2123]. Unseres Wissens nach gibt es bislang keine Studie, die den Zusammenhang zwischen FACS und EMG beim Schmerzmonitoring analy- siert hat. Insbesondere bietet die EMG- Analyse die Möglichkeit, sehr geringe Schmerzintensitäten anhand minimaler muskulärer Aktivitäten zu messen. Ziel der Studie war der Nachweis mimisch ausgedrückter Schmerzinten- sitäten bei gesunden Probanden, denen über eine Termode ein kontrollierter Schmerzreiz zugeführt wurde. Dabei wurde die Mimik sowohl mithilfe von FACS als auch EMG analysiert und zur Einschätzung der Schmerzintensi- tät angewendet. Korrelationen beider Methoden einschließlich der Intensität des Schmerzreizes und untereinander sollten den Zusammenhang der 3 Mo- dalitäten überprüfen. Insbesondere sollte die Frage beantwortet werden, ob sich die EMG als valide Operationalisierung der Schmerzintensität eignet. Studiendesign und Unter- suchungsmethoden Studienteilnehmer An der Studie nahmen 87 Versuchs- personen teil (43 Frauen und 44 Män- ner, Durchschnittsalter 41 ± 15 Jahre). Die Studienteilnehmer wurden durch Aushänge und Anzeigen in der loka- len Zeitung rekrutiert. Das Experiment wurde mit Zustimmung der zuständigen Ethikkommission (196/10-UBB/bal), im Einklang mit dem nationalen Recht so- wie gemäß der Deklaration von Helsinki von 1975 (in der aktuellen, überarbei- teten Fassung) durchgeführt. Von allen Studienteilnehmern wurde eine Einver- ständniserklärung unterzeichnet. Die Probanden erhielten für ihre Teilnah- me eine Aufwandsentschädigung von 70 Euro. Ausschlusskriterien Vor Beginn des Experiments wurde eine Anamnese durchgeführt. Bestehen- de neurologische Auffälligkeiten oder Erkrankungen, chronische Schmerzer- krankungen, kardiovaskuläre Erkran- kungen, die regelmäßige Einnahme von Schmerzmedikamenten, eine Einnah- me von Schmerzmedikamenten direkt vor dem Experiment und psychische Erkrankungen führten zum Ausschluss aus der Studie. 248 Der Schmerz 3 · 2016