Felix Schreiber, Johanna van Oorschot, Johannes van Oorschot Materielle Mündigkeit bei Heydorn. Geschichte der Hand, die den Stein schlägt. „Mündigkeit über die Natur war Tastnähe, Bürde, die das Fleisch sichtbar zeichnet, reale Seite, wirklicher Kampf mit den Gewalten, um sie im Kriechgang hinter sich zu bringen.“ (IV: 74) 1 1 Einleitung In seinem 1972 erschienenen Werk Zu einer Neufassung des Bildungsbegriffs rekonstruiert der kritische Bildungstheoretiker Heinz-Joachim Heydorn die Geschichte des Mündigkeitsmotivs entlang zweier Perspektiven, einer materi- ellen und einer ästhetischen. Während materielle Mündigkeit die „Welt der Wirklichkeit“ (IV: 74) und ihre Überlistung zum Überleben betrifft, spiegelt sich in der ästhetischen das „imaginäre Königtum“, die Überwindung des „af- firmative[n] Charakter[s] der Realität“ (IV: 77). Der Bildungsbegriff enthält beide Mündigkeitsentwürfe, „die gleichwohl interdependent sind und eine ge- meinsame Wurzel erkennbar machen“ (IV: 65), zu beiden Seiten differenziert er sich aus. Der Beitrag legt eine Einführung in Heydorns Entwürfe I, der Ent- wurf der materiellen Mündigkeit, vor. In einem halsbrecherischen Tempo durchstreift Heydorn die Geschichte der „Hand, die den Stein schlägt“ (IV: 65). Diese Geschichte der materiellen Mündigkeit soll hier systematisch-exegetisch aufgearbeitet werden 2 . In einem ersten Schritt werden der philosophische Kontext und die Methoden Heydorns Arbeit vorgestellt (2). Es folgt eine allgemeine Einführung in das Werk Zu ei- ner Neufassung des Bildungsbegriffs (3), anschließend wird Heydorns dialek- tische Erarbeitung des Begriffs der materiellen Mündigkeit am Material der 1 Die Werke Heydorns werden im Weiteren nach der Studienausgabe in 9 Bänden (2004/2009) als Band: Seitenzahl zitiert. 2 Der Beitrag entstand im Rahmen eines Lesekreises und stellt die dort erfolgten Hintergrund- recherchen systematisch dar. Heydorns Streifzug durch die Geschichte soll durch diese Sys- tematisierung und Verortungen aufgeschlossen werden, um anderen, die sich diesem Text annehmen, eine Hilfestellung zu geben.