Übersichten
Monatsschr Kinderheilkd 2017 · 165:408–415
DOI 10.1007/s00112-016-0119-6
Online publiziert: 29. Juni 2016
© Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2016
Redaktion
B. Koletzko, München
T. Lücke, Bochum
E. Mayatepek, Düsseldorf
N. Wagner, Aachen
S. Wirth, Wuppertal
F. Zepp, Mainz
L. Gerstl
1
· F. Heinen
1
· I. Borggraefe
1
· M. Olivieri
2
· K. Kurnik
2
· T. Nicolai
3
·
K. Reiter
3
· S. Berweck
4
· A. S. Schröder
1
1
Abteilung für Pädiatrische Neurologie, Entwicklungsneurologie und Sozialpädiatrie, iSPZ Hauner, Dr. von
Haunersches Kinderspital, Ludwig-Maximilians-Universität München, München, Deutschland
2
Abteilung für Pädiatrische Hämostaseologie, Dr. von Haunersches Kinderspital, Ludwig-Maximilians-
Universität München, München, Deutschland
3
Abteilung für Pädiatrische Intensivmedizin, Dr. von Haunersches Kinderspital, Ludwig-Maximilians-
Universität München, München, Deutschland
4
Klinik für Neuropädiatrie und neurologische Rehabilitation, Schön Klinik Vogtareuth, Vogtareuth,
Deutschland
Pädiatrischer Schlaganfall – ein
kinderneurologischer Notfall
Klinik, Diagnostik und Therapie
Einleitung
Der arteriell ischämische Schlaganfall
im Kindesalter ist ein seltenes, aber le-
bensbedrohliches Ereignis. Er tritt mit
einer Inzidenz von 1–8/100.000 Kinder/
Jahr auf, betrif alle Altersstufen mit
einem leichten Peak im Vorschulalter
und Jungen etwas mehr als Mädchen
[35, 40]. Neurologische Residualsym-
ptome wie eine Hemiparese oder eine
symptomatische Epilepsie bleiben bei
ca. 2/3 der Kinder bestehen, Auswir-
kungen auf Verhalten und Kognition
sind ebenfalls häufig, dabei meist unter-
schätzt. Der Schlaganfall zählt weltweit
zu den zehn häufigsten Todesursachen
im Kindesalter.
(Noch) fehlendes Bewusstsein für den
kindlichen Schlaganfall verknüpf mit
prä- und innerklinischen Verzögerun-
gen in der Akutversorgung von Kindern
mit fokaler neurologischer Symptomatik
führen dazu, dass nur bei ca. 1/3 der
pädiatrischen Patienten der Schlaganfall
innerhalb von sechs Stunden diagnosti-
ziert wird; im Mittel wird die Diagnose
erst nach 24 Stunden gestellt [24, 26,
35]. Auch für Kinder gilt jedoch: „time
is brain“. Die in der Behandlung des
akuten Schlaganfalls beim Erwachsenen
etablierten Terapien wie i. v. Trombo-
lyse oder mechanische Trombektomie
sind für das Kindesalter derzeit nicht
zugelassen, konnten aber im Rahmen in-
dividueller Heilversuche auch für Kinder
erfolgreich eingesetzt werden. Gelingen
konnte dies aber nur dort, wo innerhalb
der ersten 4,5–6 Stunden durch spezia-
lisierte „Pediatric-Stroke-Zentren“ alle
therapeutischen Optionen evaluiert und
dann gezielt eingesetzt werden konnten
[36, 42].
Klinik
Die klinischen Leitsymptome eines aku-
ten Schlaganfalls im Kindesalter entspre-
chen denen im Erwachsenenalter: Akute
Hemiparese, faziale Parese und/oder
Sprachstörungen treten bei ca. 70–80 %
der Kinder auf [25, 40, 42]. Kopfschmer-
zen (bei ca. 25 %), Bewusstseinsstörun-
gen und Erbrechen finden sich häufig
als unspezifische Begleitsymptomatik.
Krampfanfälle stellen – im Gegensatz
zum neonatalen Schlaganfall – kein Leit-
symptom dar, treten aber, vor allem im
Vergleich zum Schlaganfall beim Er-
wachsenen, in bis zu 50 % relativ häufig
in der Akutphase auf [42]. Bei Ataxie und
Schwindel ist insbesondere an einen In-
farkt im hinteren Stromgebiet zu denken.
Hefige, plötzlich aufretende einseitige
Schmerzen im Kopf-, Gesichts- oder
Halsbereich können Hinweis auf eine im
Kindesalter meist traumatisch bedingte
(auch nach Minimaltrauma!) kraniozer-
vikale Gefäßdissektion sein und dem
eigentlichen ischämischen Infarkt vor-
ausgehen [33, 34].
FAST-Test
Zum Erstscreening des Schlaganfalls bei
Erwachsenen hat sich der FAST-Test
bewährt. FAST steht als Akronym für
Face-Arm-Speech-Time und überprüf
in einfachen, auch für den Laien leicht
praktikablen Tests die Kardinalsympto-
me des Schlaganfalls (faziale Parese,
Hemiparese, Sprachstörung), die unver-
züglich die Alarmierung des Notarztes
erforderlich machen. Eine Studie zeigt,
dass dieses Tool ebenso wie der in der
Notaufnahme eingesetzte ROSIER-Test
Infobox ESPED-Erhebung zum
pädiatrischen Schlaganfall und
neonatalen Schlaganfall und der
neonatalen Sinusvenenthrombose
Weitere Informationen unter:
4 Monatsschr Kinderheilkd 2015.
163:493–498: Neue Datenerhebungen bei
ESPED seit Januar 2015,
4 http://www.esped.uni-duesseldorf.de/
index.php?menu=studies&page=current.
oder bei der Studienleitung:
Dr. med. Lucia Gerstl
(lucia.gerstl@med.uni-muenchen.de;
Pädiatrie)
Prof. Dr. med. Ursula Felderhoff-Müser (ursu-
la.felderhoff@uk-essen.de; Neonatologie)
408 Monatsschrift Kinderheilkunde 5 · 2017