Ende 2021 blockierten parallel zur Weltklimakonferenz in Glasgow Menschen mit Ankettaktionen an den Schienen zum Kohlekraftwerk Neurath dessen Versorgung mit Kohle. Das Kraftwerk wurde in der Folge gedrosselt, ein Block ganz heruntergefahren. Gegen vier Akti- vist*innen wurde in Folge dessen Anklage erhoben. Wir dokumentie- ren an dieser Stelle einen gekürzten Prozessbericht von der Urteilsver- kündung gegen eine Aktivistin am 19. Dezember vor dem Amtsgericht Grevenbroich. AKTIONSGRUPPE »BLOCK NEURATH« Keine der anwesenden Personen war überrascht, dass neun Monate ohne Bewährung für Störung öfentlicher Betriebe verhängt wurden, denn eini- ge Monate zuvor war vor dem glei- chen Gericht von der gleichen Rich- terin in nahezu identisch gelagerter Sache bereits eine Person zu neun Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Besonders strafschärfend wurde die Tatsache bewertet, dass sich die Angeklagte weder distan- ziert habe noch Reue zeigte und daher keine positive Prognose vorläge. Eine positive Prognose für das Klima auf diesem Planeten sieht hingegen die Angeklagte nicht, wenn die Gerichte sich weiter zu Erfüllungsgehilfen von RWE machen. Sie wird dagegen in Berufung gehen, wie es auch schon die zuvor verurteilte Person getan hatte, die deswegen aktuell in Mönchenglad- bach vor dem Landgericht steht. Das Urteil ist außergewöhnlich hoch, hatte es in der Vergangenheit für vergleichbare Aktionen doch oft Einstellungen oder Geldstrafen gege- ben. »Auch wenn wir davon ausge- hen, dass dieses Urteil keinen Bestand haben wird, ist es schon erschreckend genug, dass eine solche Entscheidung nicht zu einem Aufschrei führt«, so die Verteidigerin. »Verurteilt wird hier nicht eine Aktion, sondern insgesamt eine Klimabewegung, die sich nicht einschüchtern lässt.« »Der Staat versucht hier gerade Aktivist*innen abzuschrecken und jetzt sind es zufällig wir, die für ein Exempel herhalten müssen. Vielleicht eignen wir uns auch gut, weil wir uns für eine ofensive Prozessstrate- gie entschieden haben, die auch in Grevenbroich Veränderung bewirken soll«, ergänzte die Angeklagte. »So haben wir uns beispielsweise immer über solidarische Aktionen gefreut.« Rund um die Prozesse gab es fast immer weitere Aktionen, welche Kohleausstieg und Sinn und Unsinn der Justiz thematisierten. Die nächsten Prozesstermine gegen die ange- klagten Aktivist*innen stehen im Januar an. Alle aktuellen Infos und Unterstützungsmöglichkeiten unter: https://antirrr.nirgendwo.info REPRESSION GEGEN KLIMABEWEGUNG Neun Monate ohne Bewährung NACHRICHTEN PROJEKTE GENOSSENSCHAFTEN BIOTONNE Der Freiheitsfonds hat über 70 Men- schen befreit, die wegen Fahrens ohne Ticket in Haft saßen. 472 41. JG. 4'50 EURO JANUAR 2024 www.contraste.org co n t r a s t e z e i t u n g f ü r s e l b s t o r g a n i s a t i o n Das Maschinenbaukollektiv Komelio baut Maschinen für kleine und mittel- ständische Betriebe. Gärten spielen in Istanbul eine wich- tige historische Rolle – sind aber star- ken Angriffen ausgesetzt. Bei den »Combatants for Peace« en- gagieren sich Israelis und Palästinen- ser*innen für Frieden. 3 4 7 13 BRIGITTE KRATZWALD & HEINZ WEINHAUSEN Nach Tagen der Kämpfe verkünde- ten die Zapatistas ihren einseitigen Wafenstillstand und ließen sich auf langwierige Verhandlungen ein. Als diese nicht zu den von ihnen gewünschten Ergebnissen führten, begann die Gründung eigener auto- nomer Regionen, in denen sie ein basisdemokratisches Regierungsmo- dell entwickelten. Über diese erste Zeit des Aufstandes berichtet Heinz Weinhausen auf Seite 9. Die ersten zivilen Strukturen waren die »rebellischen autonomen Landkreise«. Mit der Etablierung der Caracoles 2003 wurden alle Funktio- nen von der EZLN an die zivile Basis übertragen. Als »Caracoles«, wörtlich »Schneckenhäuser«, werden die Zen- tren der fünf autonomen Landkreise bezeichnet, in denen sich der »Rat der guten Regierung« trift. Dorthin werden nach einem komplizierten Rotationssystem Delegierte aus den Gemeinden entsandt, die nicht nur Entscheidungen über alle wichtigen Themen trefen, sondern auch die Aufgabe der Rechtsprechung haben. Ab den 2000er Jahren gewannen in den Versammlungen und internatio- nalen Trefen die Frauen an Bedeu- tung, die seither eine wichtige Rolle in der Bewegung spielen. Gleichzeitig mit der Etablierung der eigenen Regierungsstrukturen luden die Zapatistas Menschen aus aller Welt zu »intergalaktischen« Trefen ein, um den Aufstand in die Welt zu tragen und internationalen Rückhalt zu bekommen. So versammelten sich 1996 zum ersten Trefen mehr als 3.000 Menschen aus aller Welt in Chiapas. So konnte einerseits die zapatistische Bewegung zur Inspira- tionsquelle für die globalisierungskri- tische Bewegung im Westen werden, andererseits diente diese globale Unterstützung auch der Sicherheit der zapatistischen Dörfer, die bis heute unter massiven Repressionen leiden. Viele Menschen aus der ganzen Welt kamen als Menschenrechtsbeobach- ter*innen nach Chiapas und trugen zapatistische Ideen in die westlichen Bewegungen. Zu großer Bekanntheit brachten es etwa das »gehorchen- de Befehlen«, das Ziel, »die Welt zu verändern, ohne die Macht zu über- nehmen« oder die Vision »einer Welt, in der viele Welten Platz haben«. Ein weiterer Schritt der interna tionalen Vernetzung war die Reise für das Leben im Jahr 2021, die eine Delegation der Zapatistas nach Euro- pa führte und zu einer Verstärkung der internationalen Soligruppen führ- te. Darüber berichtet das Netz der Rebellion auf Seite 10. Heute sind die Zapatistas dabei, sich organisatorisch neu zu erfnden und eine neue gesellschaftliche Struk- tur aufzubauen. Diese Entwicklung beleuchten unsere Autor*innen Inés Durán Matute, John Holloway, Karla Sánchez Félix auf Seite 12. Über aktu- elle Kämpfe gemeinsam mit dem CNI, dem nationalen Kongress der Indige- nen in Mexico, gegen den Bau des sogenannten »Maya Zuges« durch ihr Gebiet schreibt das Recherche Team auf Seite 11. Über ein Projekt, das die Botschaft der Zapatistas mittels Kunst in die Welt tragen will, berich- tet Brigitte Kratzwald auf Seite 10. Wir wünschen inspirierendes Lese- vergnügen. Schwerpunkt auf den Seiten 9 bis 12 Die Fotos auf den Seiten 1 und 10 zeigen eine Arbeit von Rigo 23 aus der Ausstellung »Science Fiction(s) - Wenn es ein Morgen gäbe« im Welt- museum Wien. 30 Jahre Aufstand der Zapatistas Nach vielen Jahren des geheimen Aufbaus der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN begann am 1. Januar 1994 in Chiapas, dem südlichsten und ärmsten Bundesland von Mexiko, ihr Aufstand für Land und Freiheit. Den Namen gab sich die Bewegung in Würdigung von Emiliano Zapata, einem Führer der mexikanischen Revolution zu Beginn des 20. Jahrhunderts. p Das Raumschiff steht für die Suche nach einer Welt in der viele Welten Platz haben, Arbeit von Rigo 23 Foto: KHM-Museumsverband