Digital Humanities im deutschsprachigen Raum 2023 Living Handbook “Digitale Quellenkritik” Deicke, Aline aline.deicke@adwmainz.de Akademie der Wissenschaften und der Literatur | Mainz / Philipps-Universität Marburg Wachter, Christian christian.wachter@uni-bielefeld.de Universität Bielefeld Feichtinger, Moritz moritz.feichtinger@unibas.ch Universität Basel Lemaire, Marina marina.lemaire@uni-trier.de Universität Trier Schmunk, Stefan stefan.schmunk@h-da.de Hochschule Darmstadt Hall, Mark mark.hall@open.ac.uk Open University Harvey, Francis f_harvey@leibniz-ifl.de Leibniz-Institut für Länderkunde Durdaği, A. Nursen ndurdagi@sakarya.edu.tr Sakarya Üniversitesi Geistes- und Kulturwissenschaften bauen in ihren Er- kenntnisprozessen wesentlich auf der Befragung von Quellen unterschiedlichster Materialität und Medialität auf: So bezeichnet der Begriff sämtliche Objekte und Überreste, die zum Erkenntnisgewinnungsprozess über das Vergangene beitragen, z. B. Gemälde, Musiknoten- blätter, Texte, Fotografien, Münzen, Inschriften, Kleidung oder andere Alltagsgegenstände. Quellen liefern aber keine Wahrheiten, sondern müssen gedeutet und in die Sprache der (historischen) Wissenschaften übersetzt werden. Zudem können Quellen subjektiv, fehlerhaft, ver- fälscht oder auch nur in Teilen erhalten sein. Um diesen Herausforderungen zu begegnen, hat sich in den histo- rischen Wissenschaften die Methode der Quellenkritik etabliert (vgl. Koselleck 1977). Sie dient dazu, die Aussa- gekraft einer Quelle für ein gegebenes Forschungsvorha- ben (insbesondere in Relation zu anderen Quellen) zu be- urteilen und stellt damit letztlich die Grundlage zu ihrer Analyse dar. Hierfür werden sie z. B. beschrieben, inde- xiert, kontextualisiert, übersetzt und daran anschließend ausgewertet. Die Quellenkritik ist damit eine der Grund- säulen des Forschens schlechthin, sowohl in den histori- schen Wissenschaften als auch darüber hinaus (vgl. z. B. Arnold 2001). Die digitale Transformation verändert alle Bereiche der Gesellschaft – dies schließt die Wissenschaft insgesamt und die historischen Wissenschaften im Speziellen ein. Neben Quellen genuin digitaler Natur, sog. “born digi- tal” Quellen wie z. B. Software, Websites, Social Media Beiträge und persönliche Textnachrichten, stehen “tra- ditionelle” Quellen im zunehmenden Maße digitalisiert zur Verfügung. Diese digitalen Repräsentationen stel- len die Quellenkritik allerdings vor neue Herausforderun- gen: Wer hat die Quelle wie digitalisiert und zu welchem Zweck? Welche Formate und Transformationsalgorith- men wurden verwendet? Wer hostet die digitale Quelle und gewährleistet die Langzeitverfügbarkeit sowie ihre Integrität? Wie wird die Quelle auffindbar für diejenigen, die sie in ihrer Forschung verwenden wollen? Zu all diesen Fragen müssen sich die Geistes- und Kulturwissenschaf- ten verhalten und dabei sowohl philosophische Über- legungen (Was ist eigentlich ein digitales Objekt?), als auch Überlegungen zu Methodologie, Langzeitarchivie- rung, manueller / semi-automatischer / automatischer Erschließung, Forschungsethik und viele andere mehr berücksichtigen. Die traditionelle Quellenkritik muss vor diesem Hinter- grund um die Dimension einer digitalen Quellenkritik er- weitert werden. Hierzu sind in jüngerer Zeit bereits ei- nige Beiträge vorgelegt worden (vgl. z. B. Fickers 2020; Föhr 2017; Hering 2014; Pfanzelter 2015), doch mit dem rasanten technischen Wandel und vor dem Hintergrund sich stark verändernder digitaler Infrastrukturen und Ar- beitsprozesse in der Wissenschaft (z. B. im Zusammen- hang mit der Nationalen Forschungsdateninfrastruktur) braucht es eine stete und kritische Begleitung des The- mas, wie es nur ein kontinuierlich und kooperativ ge- führter wissenschaftlicher Diskurs gewährleisten kann. Dieser Aufgabe hat sich der Arbeitskreis Digitale Quel- lenkritik (der lose an den DHd-Verband und die Arbeits- gruppe digitale Geschichtswissenschaft des Historiker- verbands angeschlossen ist) verschrieben. Die Gruppe setzt sich aus Vertreter*innen mit unterschiedlichen institutionellen Hintergründen (Forschungs- und Infra- struktureinrichtungen) und aus diversen geistes- und kulturwissenschaftlichen Disziplinen zusammen, um die verschiedenen Aspekte digitaler Quellenkritik möglichst vielseitig zu beleuchten. Der Arbeitskreis hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Thematik aufzufächern, die verschiedenen theoretischen, methodischen und inhalt- lichen Aspekte zu identifizieren und sie in einem li- ving handbook zusammenzuführen. Das living hand- book stellt dabei sowohl eine Kondensationsfläche für den status quo als auch eine Einführung in die Thematik und eine Diskussionsgrundlage dar. Aktuell befinden sich bereits mehrere Kapitel des living handbooks im Publikationsprozess, andere Kapitel sind noch in der Aufarbeitung bzw. Planung. Um den derzei- tigen Stand im Detail vorzustellen und im Rahmen von Diskussionen weitere Impulse aus der DH-Community einzuholen und in die Kapitel zu integrieren, erscheint ein Panel auf der DHd2023 als ideales Format. Entspre- 1