202 15 Spukphänomene Gerhard Mayer, Eberhard Bauer 15.1 Grundlegende Defini- tionen und Abgrenzungen Die in dem vorangehenden Kapitel („Er- scheinungen“) vorgenommene Unterschei- dung zwischen „Geistererscheinung“ und „Spuk“ soll an dieser Stelle nochmals aufge- grifen werden. Definition (Geister-)Erscheinungen werden von uns vor- wiegend als Einzelphänomene betrachtet. Sie können allerdings wiederholt auftreten und auch Elemente eines Spukgeschehens einschließen. Beim Spuk handelt es sich hingegen um kom- plexe Phänomenkonstellationen, die meist einer ganz spezifischen – auch zeitlichen – Dynamik folgen. Im englischen Sprachraum hat sich dafür der deutsche Begrif „Poltergeist“ etabliert. Der Versuch, eine größere defnitorische Klarheit bei gleichzeitiger ontologischer Enthaltsamkeit zu erlangen, führte zur Ein- führung der neutralen Bezeichnung „Recur- rent Spontaneous Psychokinesis“ (RSPK) durch die beiden Parapsychologen J. Gaither Pratt (1910–1979) und William G. Roll (1926–2012), die den Begrif „poltergeist“ ersetzen soll. Die wissenschafliche Bezeich- nung RSPK stellt den Bezug zur Psychokine- se her, d. h. zu „Einwirkungen“ des Geistes auf die Materie, ohne dass eine konventio- nelle physikalisch-kausale Wirkungskette nachweisbar wäre. Im deutschen Sprach- gebrauch ist die Bezeichnung „Spuk“ für solche wiederkehrenden psychokinetischen Phänomene üblich, wobei zwischen dem so- genannten ortsgebundenen und dem personengebundenen Spuk unterschieden wird. Der ortsgebundene Spuk wird als prinzipiell unabhängig von den Perzipienten verstanden – solche Phänomene werden auch als „non-interaktive Manifestationen“ des Paranormalen bezeichnet – und hat einen Bezug zu vergangenem Geschehen, welches mit einem bestimmten Ort ver- bunden ist (oder mit diesem in sinnhafen Zusammenhang gestellt wird). Personenge- bundener Spuk hingegen steht in direkter Beziehung zu den betrofenen Personen. Im Mittelpunkt parapsychologischer/anomalis- tischer Erklärungen steht dabei of eine sogenannte Fokusperson (FP), die für das Aufreten der Spukphänomene eine zentrale Rolle spielt. 15.2 Historischer Abriss wissenschaftlicher Spukuntersuchungen Erste detaillierte Schilderungen von Vor- gängen, die wir heute aufgrund ihrer typi- schen Ablauformen am ehesten dem „Spuk“ zurechnen würden, stammen aus dem Euro- pa des 17. und 18. Jahrhunderts, besonders aus England, Frankreich und Deutschland. Sie waren (und sind) bis heute Gegenstand rezeptions- und mentalitätsgeschichtlicher Studien, besonders aus der Perspektive der Geschichts-, Religions- oder Literaturwis- senschaf. Spuk- und Gespensterberichte