Ulrike Tanzer: Fortuna, Idylle, Augenblick. Aspekte des Glücks in der Literatur Würzburg: Königshausen & Neumann 2011. 302 S., geb., 38,00 € (ISBN 978-3- 8260-3761-0). Ulrike Tanzers Habilitationsschrift schließt mit dem Hinweis, „Literatur“ sei „als Geschichte des Glücks“ (S. 257) zu lesen, und die Verfasserin hat mit ihrer Studie einen wichtigen Baustein zu einem solchen Vorhaben vorgelegt. Die Argumentation konzentriert sich zwar auf die Literatur des 19. Jahrhunderts mit einem deutlichen Akzent auf Österreich, erweitert jedoch die Perspektive immer wieder komparatistisch auf andere Literaturen von der Antike bis zur Gegen- wart, bezieht die bildende Kunst mit ein und kontextualisiert den literarischen Glücksdiskurs mit Philosophisch-Theologischem. Die Analysen gliedern sich in zwei große Teile; der erste verfolgt mit der Glücksgöttin Fortuna die Wandlungen eines Zufallsglücks (S. 63–168); der zweite Teil ist den zeitlichen Dimensionen des Glücks unter der Kapitelüberschrift „Idylle, Augenblick, Geglücktes Leben“ (S. 169–239) gewidmet. In der Kommen- tierung ihrer Thesenbildung und der Textauswahl bleibt die Studie zurückhal- tend: „Mit Rückblick auf Gattungstraditionen und Ausblick auf deren Fortschrei- bungen in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur soll anhand ausgewählter Texte gezeigt werden, wie Literatur seismographisch auf die Zeitläufte reagiert und wie das Zufällig-Unberechenbare des Glücks und dessen prekärer zeitlicher Zustand zur Darstellung kommt.“ (S. 62) Die Konzentration auf das 19. Jahrhundert wird knapp mit dem Hinweis auf die Vorarbeit von Alan Corkhills, das 18. Jahr- hundert behandelnde Monographie Glückskonzeptionen im deutschen Roman von Wielands „Agathon“ bis Goethes „Wahlverwandtschaften“ (2003) begründet. Mit Corkhill teilt Tanzer die Diagnose einer Entpolitisierung und Privatisierung des Glücksstrebens seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Corkhill sprach davon, dass „das Pendel ab dem zweiten Drittel des 18. Jahrhunderts von der Maximie- rung des Glücks des Gemeinwesens in Richtung der Optimierung individuellen Wohlergehens“ hin ausschlage und „jegliche Vorstellung von der Objektivierbar- keit der Glückserfahrung entsprechend in Zweifel gezogen“ werde.¹ Um 1800 wer- den nicht mehr die jenseitige Seligkeit (beatitudo) oder die wankelmütige Göttin Fortuna des Barockromans thematisiert, die auf das Eingreifen äußerer Mächte verwiesen, sondern der Einzelne zeichnet nun durch Tugend, Verdienst und vor 1 Alan Corkhill: Glückskonzeptionen im deutschen Roman von Wielands „Agathon“ bis Goethes „Wahlverwandtschaften“, St. Ingbert 2003, S. 223. 10.1515/jdrg–2013–0011 Brought to you by | University of Michigan Authenticated Download Date | 5/19/15 11:12 PM