Vom Problem der Freiheit zum Problem der Sprache – deutsch-französische Transfers zwischen den Lebens- philosophien Friedrich Nietzsches und Henri Bergsons Tobias Endres Abstract Ausgehend von den Lebensphilosophien Friedrich Nietzsches und Henri Berg- sons setzt sich der Artikel zum Ziel, inhaltliche Überschneidungen beider Denker herauszuarbeiten, um diese als vorläufiges Ergebnis dem Forschungs- gebiet der transferts culturels zuzuführen und hierüber einen philosophiehis- torischen Beitrag zu leisten. Getragen wird dieses Vorhaben einerseits von der Beobachtung, dass ein Einfluss Nietzsches auf Bergson nur unter großem methodischem Vorbehalt angenommen werden kann, andererseits der geistes- geschichtliche Kontext und systematische Aspekte ihrer Philosophien eindeutig für eine Übertragung zentraler Ideen von Nietzsche auf Bergson sprechen. Im Zentrum des Artikels steht das Problem der Sprache, das bei Nietzsche zwar gut untersucht ist, in der Bergson-Forschung jedoch bislang kaum Beachtung findet. Einleitung Wie gelangt man vom Problem der Freiheit zum Problem der Sprache? Dieser Frage soll im Rahmen von Henri Bergsons Dissertationsschrift nachgegangen und von dieser Grundlage aus auf Friedrich Nietzsches Früh- und Spätwerk ge- blickt werden, um Überlegungen zu lebensphilosophischen Transfers zwischen Deutschland und Frankreich nachzuspüren. Dem sollen einige allgemeinere Bemerkungen vorangestellt werden, insbesondere weil die genannten Autoren, zumindest vordergründig, auf sehr unterschiedlichen Denkwegen zum Prob- lem der Sprache gelangen und auf den ersten Blick eher Antagonismen als Gemeinsamkeiten beider Philosophien hervortreten. Nietzsche ist durch die ‚Verkündung‘ vom Tod Gottes am besten als Kritiker der abendländischen Metaphysik und durch den Topos amor fati eher als Theoretiker des Schicksals statt als Theoretiker der Freiheit bekannt. Bergson wiederum gilt neben Philo- sophen wie Alfred North Whitehead oder Nicolai Hartmann als einer der letz- ten großen Metaphysiker im aufs Ganze betrachtet metaphysikkritischen, also 1.