Die „Mutter alles Lebendigen“ auf den ältesten Bildzeugnissen der Levante und im Genesis-Prolog Thomas Staubli Die Exegese hat sich in den letzten Jahrzehnten stark mit redaktionellen Fragen beschäftigt. Traditionsgeschichtliche Themen, die die Forschung unter dem Eindruck der archäologischen Daten bis zum Ersten Weltkrieg umtrieben, und in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg, rückten in den Hintergrund. Nichtsdestoweniger dauert die archäologische For- schung an und die Datenmenge wächst unablässig. Ein eindrückliches Panoptikum der für unsere Wissenschaft relevanten ikonographischen Zeugnisse liegt seit Ende 2018 im vierbändigen Kom- pendium IPIAO („Die Ikonographie Palästinas / Israels und der Alte Orient) vor. Im ersten Band, der schon 2005 erschien, fehlt eine erst jüngst dokumentierte, für die Bibelwissenschaft relevante Bildträgergruppe, die mit dieser Notiz vorgestellt werden soll. Die Rede ist von mit Ritzungen verzierten Schaf- oder Ziegenknochen aus frühchalkolithischer Zeit (6. Jt. v.Chr.) 1 . Sie zeigen jeweils zwischen einer Vulva (unten) und einem Augenpaar (oben) einen oder mehrere Zweige, in einem Fall auch eine Capride. Ein Exemplar aus HaGoshrim (Abb. 1) im obersten Jordantal lässt den Zweig mit zwei Seitenzweigen bzw. den stilisierten Baum rechts vom Nabel gleichsam aus der Vulva wachsen und eine Gazelle wendet sich ihm zu. Ein Exemplar aus dem heute vom Meer überfluteten Fundort Neve Yam (Abb. 2), südlich von Haifa, zeigt mehrere Zweige in ornamentaler Repetition, unterbrochen von etwa halb so hohen Dreiecken bzw. Pyramiden. Die beiden Funde, der eine von der Küste, der andere aus dem Jordantal, belegen, dass im frühen Chalko- lithikum bereits eine Bildtradition vorliegt, die überregional bekannt ist, oder dass es bereits eine Werkstätte gab, die aus ein- und demselben Material verschiedene ähnliche, wenn auch nicht identische, kunsthand- werkliche Produkte herstellte. Aus Ein Zippori nordwestlich von Nazareth ist das Fragment eines weiteren Knochens bekannt, der im gleichen Stil bearbeitet wurde 2 , sowie das Fragment einer Kalksteinpalette, auf dem zwei 1 Das entspricht der Halaf-Kultur in Syrien / Nordmesopotamien / Anatolien, der Amuq D-Kultur in der Nordlevante und der Wadi Rabah-Kultur in der Süd- levante (Milevski et al., Motifs, 139). 2 Milevski et al., Motifs, 141, Fig. 8.